Reale Mehrsprachigkeit in Brüssel: ein Interview mit Prof. Dr. em. Sabine De Knop

Inhaltsverzeichnis

Welche Sprache spricht Brüssel? Die Antwort auf diese Frage ist deutlich komplexer, als es zunächst scheint. Im Interview spricht Prof. Sabine De Knop, emeritierte Professorin für deutsche Sprache und Linguistik in Brüssel, über die Realität gelebter Mehrsprachigkeit im urbanen Raum und die Bedeutung sprachlicher Vielfalt für die Stadt.

Vorstellung der Person: Sabine De Knop ist in Dilbeek, einer kleinen flämischen Gemeinde am Rande von Brüssel aufgewachsen, in Brüssel zur Schule gegangen und war von früh auf von Mehrsprachigkeit umgeben. Frau De Knop wuchs überwiegend frankophon auf, da ihre Mutter Wallonin war und nur Französisch sprach. Ihr Vater dagegen war zweisprachig– er sprach Französisch und Flämisch. Die Familiensprache war Französisch.

Im Laufe ihrer akademischen und beruflichen Karriere entschied sie sich zudem für Englisch und Deutsch als weitere Lernsprachen. Später war sie an verschiedenen Universitäten im Bereich der deutschen Linguistik tätig. Ab 2001 lehrte sie bis zum Jahr 2022 an der Université Catholique de Louvain Saint-Louis Bruxelles.

Damit steht  Frau De Knop nicht nur durch ihre akademische Laufbahn in einer engen Verbindung zu Brüssel, sondern auch durch ihre persönlichen Wurzeln. Zudem beherrscht sie beide Amtssprachen der belgischen Hauptstadt. Sie ist somit die ideale Gesprächspartnerin für ein Interview über reale Mehrsprachigkeit in Brüssel.

Konzeption und Durchführung des Interviews: Clara Wantzelius, Mitglied Redaktionsteam BeneluxNet

Fragenfeld 1: Vorstellung und persönliche Erfahrungen

Vielleicht können Sie sich zu Beginn einmal vorstellen, Ihren beruflichen Hintergrund, Ihren persönlichen Bezug zu Brüssel, Ihre sprachliche Biografie nennen. 

Ich bin in Brüssel geboren. Ich bin die älteste von fünf Kindern. Meine Mutter war pure Wallonin. Sie konnte nur Französisch, sie konnte kein Flämisch. Mein Vater war dagegen zweisprachig. Meine Mutter kam von der französischen Grenze. Und mein Vater, der kam aus Dilbeek. Dilbeek war eine Gemeinde, da bin ich groß geworden, das lag auf flämischem Gebiet, direkt hinter dem Ring von Brüssel.

Wir waren sehr stark gerichtet nach Brüssel, mein Vater war Lehrer. Zu Hause sprachen wir Französisch, das war ganz klar. Das war auch seine Muttersprache, aber sein Vater war Flame. Seine Mutter war auch pure Wallonin, sie kam auch aus der Wallonie und die konnte auch kein Flämisch und zu Hause haben sie auch schon Französisch gesprochen. Aber, weil der Ort und mein Großvater flämisch waren, war er ganz viel konfrontiert auch mit Flämisch, der war perfekter Zweisprachiger.

Unsere Eltern hatten die Idee … mein Vater meinte, dass es ganz wichtig für Brüssel ist, wenn man dort arbeiten will und überhaupt, wenn man da lebt, dann sollte man zweisprachig sein. Und deswegen haben sie uns in die Dorfschule geschickt, die fünf Kinder kamen dann nacheinander in die Dorfschule … ich bis zum dritten Grundschuljahr, meine Schwester direkt nach mir, die war bis zur zweiten da. Danach hat er uns mitgenommen nach Brüssel in eine frankophone Schule. Wir haben dann den Wechsel, ich weiß nicht wie, geschafft. Es war schon ein bisschen beängstigend von der kleinen flämischen Dorfschule, dort wo alles flämisch war, dann also nach Brüssel, in die große katholische Schule. Aber wir haben es geschafft. Da ging alles dann weiter auf Französisch. Normalerweise darf man sowas nicht machen, aber mein Vater hat einen Paragraphen genutzt, der besagte, wenn die Kinder zu klein sind, um allein mit öffentlichen Verkehrsmitteln in eine Schule zu fahren, wo man dann ihre Muttersprache spricht, dann dürfen sie für ein paar Jahre in eine Dorfschule. Das heißt in der anderen Sprache lernen. Das haben meine Eltern richtig ausgenutzt und dadurch sind wir alle, die fünf Kinder, wir sind alle zweisprachig geworden. Allerdings besser Französisch als Flämisch. 

Dann wusste ich schnell, dass ich Lehrerin werden wollte. Und die Uni war dann auch französischsprachig. Damals musste man zwei Sprachen aussuchen von den drei germanischen Sprachen, also Deutsch, Niederländisch und Englisch. Ich habe Deutsch und Englisch genommen. Die hatte ich schon ein bisschen in der Schule, das gefiel mir gut. 

Dann wurde ich fertig und ich habe den Abschluss fürs Lehramt gemacht. Aber dann wurde eine Assistentenstelle an der Uni frei, wo ich dann am Ende noch gearbeitet habe, für deutsche Linguistik. Und dann habe ich ein Jahr in Deutschland verbracht, an der Uni zu Köln und danach bekam ich die Stelle in Brüssel.

Beschreiben Sie Ihren Alltag in Brüssel aus sprachlicher Sicht. Welche Sprachen begegnen Ihnen dort? Wie gestaltet sich die Kommunikation in Ihrem Umfeld, in öffentlichen Einrichtungen, in Institutionen usw.?

Im Grunde genommen war immer alles auf Französisch, außer in dem Ort, wo wir wohnten, in Dilbeek, das war auf flämischem Gebiet. Und da weiß ich noch …, wenn man zur Post ging, dann musste alles auf Flämisch stattfinden, … die erwarteten das.

Mein Großvater, der Flame war, erzählte mir außerdem davon, dass beim Militär alles auf Französisch stattfand. Letztendlich waren die Frankophonen die stärkere Macht im Land und auch wirtschaftlich, weil sie die Kohlebergwerke hatten in der Wallonie. Das Problem war auch, dass die Flamen sich selbst ein bisschen geschadet haben, weil sich die flämischen Großbürger von dem einfachen Volk abheben wollten. Denn dieses flämische Volk war sehr stark landwirtschaftlich orientiert, das waren also viele Bauern. Und die flämischen Großbürger haben dann angefangen, in ihrer Familie Französisch zu reden, um sich abzuheben.

Dadurch war früher diese Sprache dominant. Jetzt ist es aber nicht mehr der Fall. Das ist jetzt komplett vorbei.

Fragenfeld 2: Persönliche Wahrnehmung der Mehrsprachigkeit in Brüssel

Wie würden Sie aus linguistischer Sicht den spezifischen Charakter der Mehrsprachigkeit in Brüssel beschreiben und worin unterscheidet sich Brüssel von anderen mehrsprachigen Städten in Europa?  

Zu anderen mehrsprachigen Städten in Europa kann ich nicht sehr viel sagen.

Die Wahrnehmung in Brüssel ist doch, dass sehr viel Französisch geredet wird. Wenn du irgendwo in einen Laden gehst und du sprichst die Leute an, die Verkäufer sprechen sehr oft Französisch. Manchmal ein bisschen Flämisch, aber… du hörst es am Akzent, die sprechen dann Französisch mit flämischem Akzent. Aber ich würde sagen, da ist doch mehrheitlich sehr viel Französisch in Brüssel.

Wie auf der Hand liegt, ist Mehrsprachigkeit ein sehr aktuelles und akutes Thema. Wie hat sich Ihrer Meinung nach die sprachliche Situation in Brüssel in den letzten Jahren verändert, zum Beispiel durch Migration oder zunehmende Relevanz von Englisch – auch als Verkehrssprache? Und wie bewerten Sie das Verhältnis zwischen der offiziellen Zweisprachigkeit und der tatsächlichen sprachlichen Vielfalt, also inklusive Sprachen wie Englisch, Arabisch, Türkisch, die vielleicht jetzt durch Migration zugenommen haben? 

Arabisch hört man immer mehr, würde ich sagen. Das hängt auch von den Vierteln ab in Brüssel. Da wo meine Uni war, das war Rue Neuve, Boulevard Botanique, da ist das ganz ausgeprägt. Sehr sehr viel Arabisch. Aber natürlich auch ganz viel Französisch, wie ich vorhin sagte. Mehrsprachigkeit, würde ich sagen, war immer da in Belgien… das war immer präsent. Durch die EU sind da natürlich auch andere Sprachen hinzugekommen, zum Beispiel Englisch hört man auch ganz viel… auch durch viele Touristen natürlich.

Die Migranten in Belgien… wir hatten zuerst mal die Italiener, die Spanier und die Portugiesen. Dann kamen aus Nordafrika die Marokkaner. Die Franzosen haben die Algerier, aber wir haben viele Marokkaner. Und die haben oft sehr große Familien… deswegen hört man ganz viel Arabisch. 

Türkisch ist weniger vertreten als in Deutschland. In Deutschland hat man also mehr Türken, aber in Belgien sind es wirklich die Marokkaner. Aber einige Türken sind natürlich auch da. Und ich bin jetzt seit 2022 weg [Anmerkung: De Knop wohnt nicht mehr in Brüssel], aber die letzten Jahre, wo ich noch da war, und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren bin, gab es natürlich auch ganz viele aus dem Balkan, aus den Ostländern. Diese Sprachen kommen jetzt auch dazu. Also Bulgarisch, Rumänisch, all diese Sprachen, die man vorher nicht gehört hat. Das ist wirklich ein Phänomen der letzten fünf bis acht Jahre würde ich sagen.  

Offiziell gelten Französisch und Niederländisch als gleichberechtigte Amtssprachen in Brüssel. In der sprachlichen Praxis spricht der Autor Peter Weber in seinem Buch Die multilinguale und multikulturelle Gesellschaft: eine Utopie? (1996, S. 25) jedoch in Bezug auf Brüssel  von einer Koexistenz zweier voneinander unabhängigen Sprachnetzwerke, wobei das französische als das dominantere System dargestellt wird. Dazu ist meine Frage, wie Sie diese Beobachtung einschätzen, ob Sie in Brüssel eher eine harmonische Koexistenz der Sprachen erleben oder ob Sie eher sagen, da herrschen Hierarchien und Spannungen zwischen den Sprachen. 

Als ich noch jung war, regten sich die Wallonen sehr oft über folgende Tatsache auf: Die Flamen waren immer bereit oder sehr oft bereit, Französisch zu lernen und haben dann sehr viele Jobs bekommen in Brüssel. Die Wallonen dagegen… ein bisschen mit dieser Überheblichkeit: „Was soll dieses Flämisch, diese Sprache ist nicht schön, die braucht man nicht“, „Wer spricht Flämisch auf dieser Erde?“, „Okay, natürlich die Niederländer, das ist ähnlich, aber sonst?“, „Flämisch braucht man nicht“. Und das heißt, viele Wallonen, Frankophone – man muss aufpassen mit Verallgemeinerungen – aber, sehr oft haben sie eine bestimmte Aversion und wollen kein Flämisch lernen. Das Ergebnis: Dadurch bekommen sie viele Jobs nicht und dann regen sie sich darüber auf. 

Es ist sehr oft passiert, dass man beim Amt in Brüssel anruft… das habe ich selbst auch oft erlebt… und dann bekommt man jemanden ans Telefon, das ist zuerst mal auf Flämisch und dann sagt man: „Können Sie bitte Französisch reden?“ und dann machen sie es, sie reden auf Französisch. Das Französisch, das diese Leute sprechen, ist oft nicht einwandfrei, aber das macht nichts. Also du hörst, das ist eigentlich ein Vorteil. 

Harmonisch? Nein. Das ist noch immer ein bisschen von oben herab. Die Wallonen sagen: „Ich brauche Flämisch nicht“. Und ich denke die letzten Jahre, jetzt durch die Politik, gibt es schon Separatistentendenzen. Dass Flandern sagt: „Wir sind die Wirtschaftskraft hier in diesem Lande, wir tragen jetzt die Wallonen“. Und das wird ein bisschen angeheizt durch die Politik, denke ich.

Andererseits: Der Belgier ist offen. Durch diesen Kontakt mit mehreren Sprachen sind die nicht so nationalistisch vielleicht. Aber die Flamen entwickeln ein bisschen diesen Nationalismus. Also es gibt sehr wenig Austausch von einer Gemeinschaft zur anderen, würde ich sagen.

Und ja, Grenzen werden zum Beispiel richtig konkret gemalt. Also ich weiß noch, als ich damals noch in Dilbeek wohnte, da bei meinen Eltern, da haben die Flamen irgendwann mal auf die Hauptstraße eine Grenze gemalt, so richtig mit weißer Farbe. Da drüber haben sie geschrieben: „Hier beginnt flämisches Brabant“. Gut, also man kann es natürlich historisch verstehen: „Ach, die wurden unterdrückt, die Flamen“, wie ich vorher erzählte. Weißt du „alles auf Französisch, und Französisch war sowieso besser“. Ja, und jetzt ist es ein bisschen andersherum. Das vermischt sich natürlich auch mit der Wirtschaft. Die Wirtschaft ist in Flandern viel stärker, die sind sehr aktiv. Aber früher hatte man die Kohlebergwerke in der Wallonie und die waren letztendlich die tragende Kraft, aber das ist vorbei… das ist wie im Ruhrgebiet jetzt.

Würden Sie dennoch sagen, dass die Mehrsprachigkeit das Gemeinschaftsgefühl unter den Menschen in Brüssel stärkt oder ist es eher so, dass man doch so ein bisschen diese Distanz oder die Abgrenzung spürt, was Sie ja auch meinten, dass früher die Grenzen wirklich strikt oder strikter waren?

Sprache ist auch immer Identität. Es hängt auch ein bisschen davon ab. Die echten, urigen Brüsseler, also die, die richtig mehrsprachig sind, – man spricht von denen in Termini von zinneke – die freuen sich, dass sie zweisprachig sind, und da ist keine Distanz. Aber ich denke schon, ein bisschen auch durch diese Anheizung durch die Politik…  da ist es doch so, dass da eine Trennung ist.

Unsere Germanistikstudenten in Saint-Louis, die haben zum Teil auch einen Master an einer flämischen Uni gemacht, der Vrije Universiteit in Brüssel zum Beispiel. Aber das ist, glaub ich, eine Minderheit, wie ich das empfinde. Wir haben zudem sehr wenig flämische Studenten gehabt bei uns. Der Austausch ist nicht unbedingt da.

Fragenfeld 3: Linguistic Landscape und öffentliche Betextung

Auf welche Weise nehmen Sie die Mehrsprachigkeit im öffentlichen Raum Brüssels wahr, zum Beispiel auf Straßenschildern, in Geschäften, auf Plakaten, öffentlichen Verkehrsmitteln und so weiter?

Da ist der Belgier sehr bemüht. Straßenschilder, Plakate, Geschäfte und so weiter. Und ich find das auch so witzig bei den U-Bahnstationen: Dann sagen sie die Station einmal auf Französisch, einmal auf Flämisch oder andersrum. Arts-Loi das ist klar, das muss man übersetzen… Kunst-Wet, ja. Aber dann gibt es Stationen, die lassen sich gar nicht übersetzen, weil das ein Name ist. Und dann sagen sie das einmal mit französischem Akzent und einmal mit niederländischem Akzent.

Rogier zum Beispiel, da ist natürlich der Kontrast okay… hier ändert sich die Aussprache: Rogier [französische Aussprache] und Rogier [niederländische Aussprache]. Bei den Stationen Simonis oder Maelbeek ändert sich beispielsweise nur die Betonung

In Belgien sind sie sehr bemüht. Es ist bewundernswert, wie viel Energie dafür verloren geht. Ich meine, das kostet auch. Es sind ganze Kommissionen damit beschäftigt, die Straßenschilder und Plakate doppelt zu verfassen. In der dritten Sprache nicht. Deutsch aus den Ostkantonen, das wird gar nicht erwähnt. 

Würden Sie eher sagen, dass die Sprachen in der Öffentlichkeit gleichberechtigt behandelt werden oder nehmen Sie trotzdem eine Sprache dominanter wahr als die andere?

Nein, in der Öffentlichkeit denke ich ist das ziemlich gleichberechtigt. Wie gesagt, sehr bemüht. 

Welche Funktion erhält Ihrer Meinung nach die linguistic landscape in Brüssel, ist sie eher informativ, symbolisch oder soll sie gesellschaftliche oder politische Botschaften vermitteln?

Wie ich vorher sagte… da sind Bemühungen. Man ist in Brüssel doch sehr bemüht, die Mehrsprachigkeit zu fördern, indem man immer alles doppelt und immer Übersetzungen in Französisch und Flämisch hat. Das ist einfach informativ, denke ich. Allerdings ist Brüssel ein Sonderfall. Denn in der Wallonie und in Flandern ist das gar nicht so.

Ich denke, durch dieses föderale System ist man in Brüssel doch ein bisschen… das ist eher tolerant und man versucht, neutral zu sein mit beiden Sprachen nebeneinander. Und ja Französisch und Flämisch werden dann gleichbehandelt.

Darüber hinaus gibt es bestimmte Bereiche wie die Polizei oder die Bildung, die sind eigentlich eine Frage der Gemeinschaft. Das ist getrennt. Und das ist la communauté francophone et la communauté flamande. Dadurch hat man versucht, die Konflikte zwischen Flamen und Wallonen zu entschärfen.

Wie gesagt… früher gab es wirklich diese Konflikte, immer wieder: „Ja es gibt mehr Französischsprachige in Brüssel, aber, Brüssel liegt auf flämischem Gebiet“. Das war immer so dieser Konflikt. Den hat man gelöst, indem man dann alles doppelt machte und bestimmte Bereiche wie Polizei und Bildung outgesourced wurden.

Fragenfeld 4: Codeswitching

Wechseln Sie selbst zwischen Sprachen im Alltag? Wenn ja, in welchen Situationen und warum? 

Normalerweise spreche ich Französisch, das ist auch meine Muttersprache. Ich fühle mich da auch viel sicherer. Aber wenn der Gesprächspartner…, wenn ich merke, das ist ein Flame, der nicht gut Französisch spricht, dann spreche ich natürlich sofort Flämisch. Das mache ich. Ich finde das ist wichtig. Beziehungsweise, ich gebe Signale. Ich sag dann auch: „Ja wir können auch Flämisch reden“, das biete ich dann manchmal an. Natürlich nicht unbedingt an der Kasse, da sprechen die alle schon beide Sprachen… oder zumindest die meisten.  Aber ja auch mit Kollegen zum Beispiel: Wenn das Flamen sind, dann sage ich auch gleich: „Ja, wir können auch gerne auf Flämisch weitermachen „.

In der Linguistik wird oft zwischen We-Code und They-Code differenziert. Denken Sie, dass sich dieses Konzept auf die Sprachverwendung in Brüssel anwenden lässt und wenn ja, inwiefern? 

Ja, aber ich habe doch das Gefühl, dass sowohl die Wallonen als auch die Flamen in ihrer Sprache und in ihrer Gemeinschaft da irgendwie funktionieren. Ich denke, ich bin eher eine Vertreterin dafür. Denn wie gesagt, wenn ich merke, die andere Person spricht muttersprachlich Flämisch, dann biete ich das gleich an. Aber das macht nicht jeder, denke ich. 

Fragenfeld 5: Mehrsprachigkeit im Alltag

Ich habe das linguistische Barometer der VUB, also einer Universität in Brüssel, gefunden, das besagt, dass Zwei- oder Mehrsprachigkeit in der Hälfte der Brüsseler Arbeitsverhältnisse die Norm ist. Jetzt die Frage an Sie, inwiefern Sie Mehrsprachigkeit als berufliche Voraussetzung oder als beruflichen Vorteil in Brüssel sehen?

Auf jeden Fall, ja. Für die meisten Jobs in Brüssel muss man zweisprachig sein. Auch wenn man die andere Sprache nicht so gut kann. Es gibt zum Beispiel auch ganz viele Jobs in der Verwaltung, für die es noch Prüfungen vorweg gibt, um zu sehen, ob du ein bestimmtes Niveau hast. Also das ist schon eine Voraussetzung hier in Brüssel. Nicht in der Wallonie. In Flandern verlangen sie sehr oft, dass man Flämisch kann. Aber in Brüssel auf jeden Fall… also mehrsprachig soll man schon sein. 

Worin sehen Sie dann darüber hinaus die Ursachen und Faktoren, dass flämische Studierende sich eher für ein Studium an einer frankophonen Universität entscheiden als andersherum? Das haben Sie soeben ja bereits angedeutet.

In Flandern ist es so, dass man ganz viele Dialekte hat. Da kann es sein, dass der Sprecher eines Dialekts den Sprecher eines anderen flämischen Dialekts nicht unbedingt gut versteht. Und dann gibt es eine Art normierte Umgangssprache, das nennt man tussentaal, das heißt Zwischensprache. Ich denke schon, dass das ein Hinderungsgrund ist, wenn du da vielleicht in Westflandern aufgewachsen bist und das normierte Flämisch zusätzlich erlernen musst. Das war auch meine Erfahrung in Dilbeek in der Dorfschule, da gab es auch ganz viele Bauernkinder und die sprachen alle den Dialekt der Gegend… zum Beispiel sagte man nicht meisje für Mädchen, sondern maske…  das ist nur ein Beispiel unter vielen. Zusätzlich das Argument: „Naja, wer spricht Flämisch so auf dieser Erde?“.

Man hat aber mehr Perspektiven, mehr Chancen später, das könnte vielleicht eine Erklärung dafür sein, dass sie dann auch eher in einer frankophonen Universität studieren (34:48). Aber ich habe keine Zahl… ich wundere mich, denn bei uns an der Uni in Saint-Louis gab es kaum welche. 

Ich denke auch, dass die Flamen zum Beispiel nach angelsächsischen Ländern gerichtet sind. Die sind sehr gut, was Englisch angeht, zum Beispiel. Viel besser als die Frankophonen. Das liegt zum Beispiel daran, dass die Filme zum Beispiel, die gezeigt werden oder die Serien oder so im flämischen Fernsehen als Originalversionen mit Untertiteln zu sehen sind. Aber das ist noch ein anderer Aspekt. 

Ich habe in der Studie außerdem rauslesen können, dass sich der Sprachgebrauch in Brüssel zu einer „Sowohl-als-auch-Situation“ entwickelt hat. Das bedeutet, dass beide Kontaktsprachen für die vollständige Teilhabe an der Gesellschaft eine wichtige Voraussetzung sind. Wie stehen Sie dazu? Auch über den beruflichen Kontext hinweg. 

Ja, das ist natürlich sehr positiv. Ich bin sowieso eine Vertreterin von Mehrsprachigkeit, so viele Sprachen bitte wie möglich. Und überhaupt, wenn man in so einem Land lebt, dann muss man beide Sprachen können, also am besten noch Deutsch dazu, aber das ist noch ein anderes Thema. Ich sage immer: Sprache ist ein Spiegel der Kultur, von der Gesellschaft. Es gibt Aspekte, die hat man in einer Kultur, die hat man in der anderen nicht und das ist eine Bereicherung für mich. Aber nicht alle sehen das so.  

Laut der Umfrageergebnisse des linguistischen Barometers erlernen Zugewanderte deutlich häufiger Französisch als Niederländisch. Worin sehen Sie die Gründe, dass sich Französisch im migrantischen Kontext gegenüber dem Niederländischen durchsetzt? 

Zuerst einmal denke ich, dass die Menschen in Ländern wie Marokko schon Französisch gehabt haben, zum Teil.  Die können folglich schon Französisch, das ist das erste. Flämisch dagegen nicht. Zweitens sind sie eher motiviert, sich in einem größeren Kontext zu bewegen. Es ist wieder mal das gleiche wie die Frage da oben: „Flämisch? Was soll man mit dieser Sprache? Das spricht man nicht überall“. 

Wenn sie zum Beispiel nach Flandern ziehen, dann sind sie gezwungen, dort Sprachprüfungen abzulegen. Ich habe das erlebt, weil ich immer wieder mal in Flandern war, in Mechelen oder in Antwerpen. Dann hörst du da, dass auch die Migranten Flämisch sprechen und auch sehr gut. Aber das ist nicht Brüssel. 

Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach Institutionen oder Verwaltungen in Brüssel, um sprachliche Hierarchien entweder zu verfestigen oder abzubauen? 

Bei der EU gibt es 24 offizielle Sprachen, aber die Arbeitssprachen sind Französisch, kein Flämisch, Deutsch und Englisch. Das heißt, auch Flämisch hat da nicht so einen Ruf, man sieht es. Das ist dann eher so wie die kleineren Sprachen wie Bulgarisch oder Rumänisch. Das verfestigt sicherlich noch mal das Französische. In der Verwaltung, wie gesagt, da muss man zweisprachig sein. Da hat Flämisch doch schon wieder eine gewisse Position aufgrund der Anzahl an Flamen, die da arbeiten.

Fragenfeld 6: Ausblick

Gibt es weitere Aspekte, die Sie kritisch oder als problematisch empfinden in Bezug auf Mehrsprachigkeit in Brüssel?

Die Tendenzen in Brüssel sind separatistische Tendenzen, das find ich schon problematisch. Immer wieder hört man, dass Flandern sich trennen will von Belgien oder, dass Belgien aufgeteilt werden soll. Das ist ganz furchtbar, finde ich. Weil letztendlich, wenn du die einzelnen Personen in deinem Bekanntenkreis fragst „Ja wie fändest du das? Lieber die Wallonie an Frankreich und Flandern dann an die Niederlande?“, dann gibt es Geschrei: „Nein! Um Gottes Willen! Wir sind anders!“. Und das ist wirklich so: Belgien ist irgendwie schon sehr einmalig. Ich kannte einen Professor, mit dem ich ganz viel gearbeitet habe, der war ursprünglich Flame, konnte aber Französisch. Er hat Karriere gemacht in Deutschland und der sagte auch: „Belgien ist im Prinzip ein künstliches Konstrukt“. Und letztendlich: Flamen und Wallonen passen nicht zusammen, aber wenn du dann zu den Menschen, die du kennst in Belgien, sagst.: „Wie fändest du das, wenn wir Belgien aufteilen?“: Dann gäbe es ganz viel Geschrei.

Denn eigentlich… das ist das Schöne… durch diese Mehrsprachigkeit, aber auch die zwei Kulturen, die zusammenkommen, gibt es eine Bereicherung. Aber im Alltag sieht das vielleicht nicht jeder. Und ich finde das sehr schade. 

Der Belgier ist offen und du kannst ihn jederzeit ansprechen, auch wenn er Französisch spricht und du zum Beispiel im Ausland bist. Wenn jemand ihn in einer fremden Sprache anspricht, dann wird er sich bemühen, die Fremdsprache zu sprechen. Der Belgier bemüht sich. Dadurch, dass er immer wieder mit Fremdsprachen konfrontiert wird. Er ist also sehr positiv.Das ist auch das Positive an der Mehrsprachigkeit. Dass man sich im Grunde genommen so gegenseitig bereichert.

Wie sehen Sie die Zukunft der Mehrsprachigkeit in Brüssel, wie schätzen Sie sie ein? Wird sie sich weiterentwickeln, verändern oder stabilisieren?

Eventuell kommt ein bisschen mehr Flämisch. Wie gesagt, die Politik hat natürlich auch einen großen Einfluss. Ich kann es nicht genau sagen. Ich hoffe, dass sie sich stabilisiert und dass sie sich zum Positiven verändert. Wenn sie sich verändert, dann wirklich zum Positiven.

Möchten Sie zum Abschluss unseres Interview noch etwas ergänzen?

Vielleicht nur noch etwas zum belgischen Gemüt: Für den Belgier sind so Sachen wichtig, wie die Familie am Wochenende zu treffen. Man setzt sich zusammen mit guter Kost – der Belgier isst wahnsinnig gern – und das sind für ihn Werte, die wichtig sind. Das verstehen viele Deutsche nicht unbedingt.  

Wenn man zum Beispiel in Brüssel arbeitet, aber man wohnt in Lüttich, macht das nichts, dann pendelt man nach Brüssel. Das Land ist so klein, es gibt andere Möglichkeiten, die man in Deutschland nicht hat. Der Belgier, der genießt auch gerne. Das ist eigentlich schön.

Trotz der verschiedenen Sprachen und der verschiedenen Kulturen gibt es Gemeinsamkeiten. Ich hoffe, dass die Belgier das noch weiter schätzen. Dass diese separatistischen, politischen Tendenzen jetzt nicht das Land zum Explodieren bringen. 

Sehe auch: https://belgien.net/zwischen-sprachenpolitik-und-oeffentlicher-meinung-neue-debatten-ueber-den-niederlaendischunterricht-in-der-wallonie

Bild von Clara Wantzelius (Autorin) & Sabine Schmitz (Betreuung)

Clara Wantzelius (Autorin) & Sabine Schmitz (Betreuung)

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