Kategorie: Geschichte

Die französisch-belgischen Beziehungen

Wie jede Nachbarschaftsbeziehung ist auch jene zwischen Frankreich und Belgien komplex und weist Nuancen und Entwicklungen auf, die sich mal unbemerkt, mal sichtbar abzeichnen. Aufgrund der überwiegend gemeinsamen Sprache und Kultur, die Frankreich mit einem Teil der Belgier verbindet, nimmt das Land einen besonderen Platz unter den belgischen Nachbarn ein, dennoch bleiben auf beiden Seiten Stereotype sowie gegenseitige Missverständnisse nicht aus. Ferner gilt es zwischen den offiziellen Beziehungen diplomatischer Natur und denen, die Individuen einer ‚Zivilgemeinschaft‘ verbinden zu unterscheiden.

Im Laufe der Jahrhunderte entstand ein dichtes Netz von ökonomischen, kulturellen, politischen, feudalen und diplomatischen Beziehungen zwischen dem Königreich Frankreich und den Territorien des zukünftigen Belgiens. Die Grenze zwischen Frankreich und den (spanischen, später österreichischen) Niederlanden wurde allerdings erst 1713 mit dem Vertrag von Utrecht, der den Kriegen Ludwigs XIV. ein Ende setzte, festgelegt. In den darauf folgenden Jahrzehnten wurden aber weiterhin einzelne Dörfer und Landstriche getauscht. Die ‚belgischen Territorien‘, einschließlich des Fürstbistums Lüttich und der Fürstabtei Stablo-Malmedy (die jedoch alle zum Heiligen Römischen Reich gehörten), wurden nach und nach zum „Schlachtfeld Europas“. Militärische Auseinandersetzungen bestimmten daher nachhaltig die ambivalenten Beziehungen zwischen den ‚Belgiern‘ und ihren Nachbarn, wie z.B. Frankreich und das Heilige Römische Reich.

Die Spanischen Niederlande am Anfang des 18. Jahrhunderts. Ausführung wahrscheinlich durch Jan Luyken ©Rijksmuseum

1789-1830

Die Epoche der Revolutionen (1789-1830) markiert einen entscheidenden Wendepunkt in den Nachbarschaftsbeziehungen zwischen Frankreich und den zunächst noch bis 1795 Österreichischen Niederlanden. Denn ab diesem Zeitpunkt bis 1814 wurden sie mit dem Fürstbistum Lüttich durch die Eingliederung in den französischen Staat zum ersten Mal unter einer politischen Autorität geeint. Man könnte in diesem Zusammenhang behaupten, dass Frankreich dazu beitrug, das Aufkommen eines Nationalgefühls zu begünstigen. Diese im Endeffekt sehr kurze ‚französische Periode‘ hatte zudem einen tiefgreifenden Einfluss auf das nun geeinte Territorium, weil sie den Übergang vom Ancien Régime zur Moderne veranlasste. Die wichtigsten Prinzipien der Revolution (Abschaffung von Privilegien, Nationalisierung kirchlicher Güter, Steuergleichheit, nationale Souveränität, ein rechtlicher und verfassungsmäßiger Rahmen usw.) sollten auch in der weiteren Entwicklung dieses Territoriums zum Staat Belgien nicht mehr in Frage gestellt werden. In sprachlicher Hinsicht setzte sich das Französische als offizielle Sprache in einem mehrsprachigen Gebiet, in dem seit langer Zeit die ‚Grenze‘ zwischen dem romanischen und germanischen Sprachraum verlief, durch. In der Folge wurde die adelige und bürgerliche Elite auf beiden Seiten dieser virtuellen ‚Grenze‘ französisiert. Der ‚gewöhnliche Belgier‘ jedoch kommunizierte weiterhin in seinem lokalen Idiom, d.h. in einem Dialekt, einer Regionalsprache oder Sprache die im Süden der romanischen und im Norden der germanischen Sprachfamilie angehört. Abgesehen von den Befürwortern sah jedoch ein Großteil der Bevölkerung, besonders in den ländlichen Gebieten, die Politik des Direktoriums, respektive des Konsulats und des späteren Kaiserreichs als schonungslos und ungerecht den Bürgern gegenüber an: Man verurteilte die mit der französischen Herrschaft einsetzenden religiösen Verfolgungen, die Zensur, die Steuererhöhungen und ganz besonders die Folgen der Wehrpflicht.

In den Schlacht von Waterloo finden sich ‚Belgier’ auf beiden Seiten der sich gegenüberstehenden Heere und nur mit einer gewissen Resignation akzeptierten sie das ab 1814 geltende ‚Amalgamprinzip‘, das die ehemaligen nördlichen Niederlande mit Belgien (wieder)vereinte. Die überwiegend katholisch geprägte ‚belgische’ Elite begriff schnell, dass die gegen Frankreich verbündeten Mächte ihrem Land weder die Unabhängigkeit noch die Rückkehr zu Österreich zugestehen würden. Der Wiener Kongress wollte ein neues europäisches Gleichgewicht schaffen und jegliche Expansionsbestrebungen Frankreichs unterbinden. In diesem Zusammenhang bildete das Königreich der Niederlande eine unverzichtbare ‚Barriere‘ zwischen den verschiedenen Machtbereichen. In den ehemaligen südlichen Niederlanden gibt es zu jener Zeit nur wenige ‚Reunionisten‘, die der französischen Herrschaft nachtrauerten, deutlich zahlreicher waren hingegen jene, die sich weigerten den Blick nach Den Haag zu richten, sondern stattdessen weiterhin Paris als ihre kulturelle Hauptstadt betrachteten. Während der Revolution von 1830 sind zwar französische Akteure in Brüssel präsent, aber sie spielten nur eine unbedeutende Rolle für den Verlauf der belgischen Revolution. Die Revolution führte – mehr oder weniger zwangsläufig – zur Anerkennung der Unabhängigkeit Belgiens durch die wichtigsten europäischen Großmächte (Großbritannien, Frankreich, Österreich, Preußen, Russland). Diese Anerkennung war gleichwohl an die Auflage einer garantierten Neutralität des Landes geknüpft. Neben London galt Paris als wichtigster Unterstützer des neuen belgischen Staates. Frankreichs Interesse, das in Wien neu strukturierte Europa in Frage zu stellen, deckt sich zu jener Zeit mit dem Belgiens, welches Frankreich 1831 und 1832 im Namen Europas gegen die niederländischen Truppen militärisch unterstützte.

Auch wenn der Sohn von Louis-Philippe, dem König der Franzosen, schließlich unter dem Druck der Großmächte auf den Thron Belgiens verzichtete, obwohl er eigentlich von der belgischen Elite für diese Regentschaft ausgesucht worden war, wurde dennoch seine Schwester Louise-Marie die erste Königin der Belgier.

Angriff niederländischer Truppen während der Septemberkämpfe in Brüssel 1830. Teil der Serie "Evénemens de Bruxelles", Brüssel 1831 ©Rijksmuseum

1830-1870

Während der Julimonarchie (1830-1848) waren die französisch-belgischen Beziehungen weitgehend ungetrübt, aber nach der Pariser Revolution von 1848, welche Louis-Philippe entmachtete, um dann die Zweite Republik auszurufen, wurden von französischer Seite einige Expansionsbestrebungen auch in Richtung Belgien unternommen, die jedoch keinen Erfolg hatten. Kurz darauf war es die Wiederherstellung des Kaiserreichs, die erneut unruhige Zeiten brachte. Gerüchte über eine mögliche Annexion Belgiens verbreiteten sich und die Theorie der natürlichen Grenzen zwischen den beiden Staaten wurde erneut lanciert. Bis 1870 hielten die politischen Spannungen an. König Leopold I. beschrieb zu jener Zeit Frankreich als Tiger oder Schlange, zwei Tiere, die mit ihren Krallen bzw. Würgegriff in der Lage waren, den Körper des schwachen und neutralen Belgiens zu paralysieren. Die Bevölkerung war, anders als die belgische Regierung, in ihrer Einstellung zu Louis-Napoléon Bonaparte, dem späteren Napoleon III., gespalten. Während die meisten Liberalen in ihm einen freiheitsfeindlichen Tyrannen sahen, lobten die Katholiken ihn aufgrund seiner  konservativen und ordnungsliebenden Haltung. Als 1870 der französisch-preußische Krieg ausbrach, welcher ein Bedrohungsmoment für die belgische Neutralität darstellte, fürchteten sich die Armee, der König und der Hof eher vor einem französischen Sieg als vor einem deutschen, aber Zeugen berichten, dass dennoch in einigen wallonischen Provinzen eine allgemeine Frankophilie zum Ausdruck gebracht wurde.

Während dieser gesamten Periode, in der eine notwendige Festigung der belgischen Nationalität erfolgte, wertschätzten und unterstützten die belgischen Führungskreise alles, was dazu geeignet war, Belgier und Franzosen von einander abzugrenzen. Es schien nahezu unerlässlich, eine Distanz zwischen den Staaten aufzubauen, deren Etablierung jedoch weder durch die geographische Lage Belgiens noch die Wahl des Französischen als de facto einzige offizielle Sprache begünstigt war. Man versuchte daher, die flämische Vergangenheit und konkret die flämische Kunst – dieser Begriff schloss zu jener Zeit die Kunst der gesamten habsburgischen Niederlande ein – zu glorifizieren, den Mythos der (spanischen, österreichischen, französischen und niederländischen) ‚Fremdherrschaft‘ und die ‚schwarze Legende‘ über die Zeit der französischen Fremdherrschaft zu lancieren. So wurde auch die Schlacht bei Kortrijk am 11. Juli 1302, die sog. Goldene-Sporen-Schlacht, als flämischer – d.h. ‚nationaler‘  – Sieg gegen Frankreich uminterpretiert. Heute ist der 11. Juli der Feiertag der Flämischen Gemeinschaft.

Statuen der Grafen Egmont und Horn auf dem Brüsseler Marktplatz. Um 1859 ©Rijksmuseum

1870-1914

Mit der Gründung der Dritten Republik änderte sich der Blick auf Frankreich. Die französische Republik wurde nun in Belgien von Liberalen, wenn auch zaghaft, verteidigt und von den Sozialisten als zentraler Referenzpunkt in ihrem Kampf für das allgemeine Wahlrecht und soziale Forderungen in Anspruch genommen, während die Katholiken Frankreich nach wie vor als eine Gefahr für die allgemeine gesellschaftliche, politische und moralische Ordnung sahen. Die ablehnende Haltung der Katholiken verschärfte sich 1905, als in Frankreich das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat verabschiedet wurde, das den krönenden Endpunkt des sich immer mehr beschleunigenden Laizismus der französischen Gesellschaft  markiert. Auch wenn während dieser Epoche ein intensiver kultureller Austausch zwischen Frankreich und Belgien stattfand, war sie dennoch zugleich durch eine Diversifizierung äußerer Einflüsse geprägt, nicht zuletzt weil die Entwicklung der deutschen Wissenschaft und Industrie in ihrem Zenit stand.

Zudem muss für diese Zeit der Einfluss einer zunehmenden wechselseitigen Migration zwischen Belgien und Frankreich berücksichtigt werden: 1900 zählte man in Belgien 57.000 Franzosen, davon 22.000 in der Grenzregion Hennegau. Die Anzahl sollte im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg erheblich ansteigen: So waren es 80.000 im Jahr 1911, davon lebten allein 30.000 im Hennegau. Was die Anzahl der in Frankreich lebenden Belgier betrifft, so wurde 1880 mit ca. 500.000 Belgiern der Höhepunkt dieser Entwicklung erreicht. Es handelte sich besonders um Flamen, die aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage Arbeit in der Landwirtschaft, im Textilbereich oder in den Kohleminen suchten. Sie bildeten innerhalb einiger nordfranzösischer Städte sogar die Mehrheit der Einwanderer, was eine gewisse Fremdenfeindlichkeit nach sich zog. Auch wenn sich anschließend die Migrationsströme verringerten, blieben aufgrund der erfolgten belgisch-französischen Eheschließungen noch enge Beziehungen zwischen vielen Familien diesseits und jenseits der Grenze bestehen.

Im letzten Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg (1905-1914) standen sich zwei große Nachbarmächte auf belgischem Terrain gegenüber: Frankreich und Deutschland buhlten um die Gunst Belgiens und versuchten, sich mit dem Land zu verbünden. Es war die Zeit unaufhörlicher Propaganda anlässlich von Ausstellungen, Jubiläen, Einweihungen von Monumenten, Vereinen und Schulen. Die Belgier, die sich als frankophob, d.h. als feindlich oder kritisch eingestellt gegenüber Frankreich und seines Einflusses, sahen, konnten auf die nunmehr weitgehend katholische Regierung sowie auf die mehr nach Berlin als nach Paris orientierten diplomatischen Kreise zählen. In wirtschaftlicher Hinsicht wurde Frankreich, welches lange Zeit der wichtigste Handelspartner Belgiens gewesen war, nach und nach von Deutschland verdrängt, so dass man bald in Frankreich von einem ‚kommerziellen Sedan‘ (Sedan commercial) sprach. Die 1910 von Frankreich eingeführte protektionistische Handelspolitik führte zu einem schleichenden Zollkrieg mit Brüssel, der die Krise an der Spitze des französischen Staates verdeutlichte und verstärkte. Die wirtschaftliche Begünstigung Deutschlands wurde allerdings nicht von jedem in Belgien gern gesehen. Im überwiegend linksgerichteten – d.h. liberal und sozialistisch geprägten – Süden des Landes entstanden Vereine, die besonders in wirtschaftlicher Hinsicht die französisch-belgischen Verbindungen stärken sowie die lateinische und französische Kultur verteidigen wollten. Im September 1911 fand inmitten der Agadirkrise parallel zu einem Kongress der Ligue internationale des Amitiés Françaises (‚Internationale Liga der französischen Freundschaften‘) in Mons die Einweihung eines Denkmals in Jemappes anlässlich des französischen Siegs von 1792 statt.

Restaurierung des Denkmals in Jemappes. Um 1920? Die deutsche Besatzungsmacht hatte den Hahn während des Ersten Weltkrieges entfernt und zerstört. ©Universitätsbibliothek Gent

Von einem Krieg zum nächsten (1914-1944)

Am 4. August 1914 verletzte Deutschland die Neutralität Belgiens und führte das Land, das Mitstreiter der alliierten Mächte wurde, in den Ersten Weltkrieg. Dies hatte erhebliche Konsequenzen für die französisch-belgischen Beziehungen, denn es entstand der Volksmythos des kleinen und heldenhaften Märtyrers Belgien, dessen Schutz seiner großen Schwester, Frankreich, oblag. Am 7. August sandte Paris Soldaten der Ehrenlegion nach Lüttich um den Widerstand der dortigen Festung zu unterstützen. Während des gesamten 1. Weltkriegs gab es zahlreiche Ehrungen und Unterstützungsbekundungen von französischer Seite. Die französisch-belgische Freundschaft wurde in dem Maße immer offensichtlicher, ja gar zu einem Gemeinplatz, wie die bis 1914 vorherrschende relative Germanophilie Belgiens immer stärker in eine nachhaltige Germanophobie umschlug. Allerdings war die Stimmung an der Spitze des Staates gänzlich anders. Denn König Albert bestand darauf, Chef der belgischen Armee zu bleiben, und lehnte es ab, die Kriegsziele der Alliierten zu übernehmen. In seinen Augen hatte Belgien das Recht, den Frieden in Form eines Kompromisses zu suchen, sofern Belgien dadurch seine Unabhängigkeit und Souveränität wiedererlangte. Auch wenn Paris in ihm einen frankophilen König sah, war Albert I. durchaus vor allem misstrauisch gegenüber einem Frankreich, welches er als instabil, laizistisch, republikanisch und nach wie vor potenziell imperialistisch einstufte.

Nachdem der Frieden wiederhergestellt worden war, gerieten die bilateralen französisch-belgischen Beziehungen in vielerlei Hinsicht ins Stocken, so z.B. bezüglich der Zukunft des Großherzogtums Luxemburg, dem Vorhaben der Etablierung einer Zollunion sowie des Bestrebens Frankreichs, Belgien für sich zu gewinnen. Im September 1920 wurde ein französisch-belgisches militärisches Abkommen unterzeichnet, ein einfaches Verteidigungsabkommen, dessen Text selbstverständlich geheim war, aber dennoch fast zwei Jahrzehnte lang Debatten auslöste. Im Jahr 1925 war dieses Abkommen bereits durch den Rheinpakt im Rahmen der Verträge von Locarno so gut wie ungültig, aber die Polemik über seine tatsächliche politischen Konsequenz verstummte nicht. Sowohl in Frankreich als auch in Belgien, wurde das Abkommen von einem Teil der Politiker und der Bevölkerung als ein echtes Bündnis aufgefasst, während andere im Gegenzug Schmähreden gegen die aus dem Vertrag resultierende Unterwerfung Brüssels durch Paris hielten. In Flandern war die Kampagne „Los van Frankrijk“ (‚Los von Frankreich‘) zu jener Zeit im vollen Gange und zwang im März 1936 die französische sowie die belgische Regierung zur endgültigen Kündigung des Vertrags. Angesichts der nun akuten Bedrohung durch das nationalsozialistische Deutschland, das zuvor durch instabile Demokratien nur unzureichend gebändigt worden war, beabsichtigte Belgien nun, wieder den Weg der Unabhängigkeitspolitik, um nicht zu sagen Neutralitätspolitik, einzuschlagen, welche vom Großteil der Bevölkerung unterstützt wurde. Frankreich, das mittlerweile von der Front populaire regiert wurde, unterzeichnete ein Abkommen mit der UdSSR, was in Belgien jene beunruhigte, die befürchteten, in einen Krieg hineingezogen zu werden, der sie nicht betraf, und die Stalin eher fürchteten als Hitler. 1938 festigte das Münchener Abkommen das Bild eines Frankreichs, das unfähig war, seinen Verpflichtungen nachzukommen und sich Gehör zu verschaffen. Außerdem lebte durch die große Wirtschaftskrise der Dreißigerjahre der Gegensatz zwischen einem protektionistisch agierenden Frankreich und einem dem Freihandel verschriebenen Belgien wieder auf: Zolltarife, Kontingentierungen und der Verzicht auf eine solidarische Währungspolitik bildeten den Rahmen  des nun angespannten Verhältnisses.

Als im September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, verkündete Belgien seine Neutralität und die Regierung griff gegen alle hart durch, die sich entweder durch ihre Meinungen oder ihre Schriften in irgendeiner Weise von diesem eingeschlagenen Kurs entfernten. Dennoch hatte Frankreich besonders in den wallonischen Kreisen Befürworter. Es entstanden Wohltätigkeitsverbände, um die Moral des Poilu zu stärken, während in Lüttich die Ligue d‘Action wallonne qualifizierte Arbeiter für die französische Kriegsindustrie rekrutierte. Am 10. Mai 1940 fiel Deutschland zum zweiten Mal in Belgien ein und die belgische Armee konnte dem Angriff nur achtzehn Tage lang Widerstand leisten. Die Franzosen und Briten waren in dieser Zeit selbst so sehr in Bedrängnis, dass sie sich nicht in der Lage sahen, militärische Hilfe zu leisten. Am 28. Mai 1940 kapitulierte die belgische Armee, worauf Paul Reynaud, Vorsitzender des französischen Ministerrats, überaus heftig reagierte: Er bezichtigte König Leopold III. nahezu offen des Verrats. Es gibt unzählige Berichte über die Schmach, die seitdem Hunderttausende Belgier, die nach Frankreich geflohen waren, dort erdulden mussten. Inmitten dieser Wirren, die fast einem Chaos gleichkamen, sahen sich jene Geflohenen übrigens zum ersten Mal mit dem ländlichen Süden Frankreichs konfrontiert, der für die meisten von ihnen gänzlich unbekannt war und den sie als ungezwungen, ja gar rückständig wahrnahmen. Denn ihr Frankreichbild war bis dahin von Paris, den Departements im Norden und, bei den besser situierten, auch von der Côte d’Azur bestimmt. Für sie hatte daher das Nachbarland, das gleichzeitig in vielen Belangen als Modell angesehen wurde, bis dahin als Hort der Kultiviertheit und Kultur gegolten. Die Monate Mai und Juni im Jahr 1940 lösten somit bei vielen Belgiern einen Schock aus, der selbst noch nach dem Krieg andauern würde. Dieser war jedoch irrelevant im Vergleich zu den seelischen Erschütterungen, die die Niederlage Frankreichs und der anschließende Waffenstillstand mit Deutschland bei den Belgiern auslöte. Die französische Niederlage war ein Trauma für die frankophilen Belgier, für die anderen war sie die Bestätigung eines sich seit Jahrzehnten abzeichnenden moralischen und finanziellen Niedergangs des französischen Nachbarn.

König Leopold III. um 1937 ©Sörmlands Museum

Die Okkupation führte in vielen Bereichen zu einem Bruch zwischen Frankreich und Belgien. Die Mehrheit der Belgier verachtete das Vichy-Regime und richtete den Blick nach London. Als jedoch mit Charles de Gaulle eine charismatische Figur des Widerstands die politische Bühne betrat, blickten die frankophilen Belgier erneut hoffnungsvoll nach Frankreich. Seine Popularität nahm ab 1942 dank seiner patriotischen Aufrufe über Radio London besonders in der Wallonie, in Brüssel und im geringeren Ausmaße auch in Flandern zu. Ab Juni 1942 entsandte die belgische Exilregierung in London einen offiziellen Vertreter zu General de Gaulle und erkannte sehr früh seine provisorische Regierung an.

 

1944-1970

Im Zuge der Befreiung setzte Belgien auf regionale Bündnisse: auch mit Frankreich, das seinen Status als Großmacht wiedererlangen wollte, wurde ein Abkommen geschlossen, aber Brüssel stärkte besonders seine Beziehungen zu den Niederlanden und Luxemburg (Entstehung des Beneluxraums) sowie zum Vereinigten Königreich. Bald sollte der Vertrag von Brüssel (1948), der diese fünf Länder einte, jedoch durch die Bildung des West- und Ostblocks und die Logik des Kalten Kriegs gänzlich in den Hintergrund treten. Sowohl Belgien als auch Frankreich wurden Mitglieder der NATO und schlossen sich dem von Washington vorgegebenen transatlantischen politischen Kurs an. Belgien nahm ebenso aktiv am Prozess der europäischen Integration, welcher zunächst von Frankreich initiiert worden war, teil. Ohne übermäßigen Enthusiasmus beteiligte sich Belgien als eines der sechs Gründungsmitglieder an der Errichtung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) und engagierte sich ebenfalls für die Etablierung der Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG).  Beide Initiativen verfolgten das Ziel, die Bundesrepublik Deutschland an den westlichen Block zu binden, indem man auf sie Einfluss nahm. Im Jahr 1954 kippte Frankreich jedoch das Projekt der EVG und wurde nicht länger als Motor dieses Projekts angesehen, sondern als bremsende Kraft, die man allerdings bei den Römischen Veträgen (1957), welche die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und EURATOM ins Leben riefen, erfolgreich wieder für das europäische Projekt motivieren konnte.

Somit kann festgestellt werden, dass die französisch-belgischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg eine Veränderung vollzogen haben: So war die kulturelle Ausstrahlungskraft Frankreichs besonders in der Wallonie und in Brüssel zwar weiterhin von Bedeutung, aber es änderten sich gleichzeitig die Machtverhältnisse. Politisch instabil, in dichter Folge in Kolonialkriege verstrickt und mit gravierenden wirtschaftlichen und finanziellen Problemen konfrontiert erfuhr das Image Frankreichs bei seinem belgischen Nachbar, der sich nach 1945 schnell vom Krieg erholt hatte und einen gewissen Wohlstand aufbaute, eine Abwertung. Das ‚kleine‘ Belgien zögerte nicht länger, seinen ‚großen‘ Nachbarn mit Stolz, ja gar mit Herablassung, zu betrachten. In Flandern und im französischsprachigen Belgien bekam Frankreich in kultureller Hinsicht nun durch die zunehmende Präsenz der angelsächsischen Welt und ganz besonders durch den „American way of life“ echte Konkurrenz. Für die neuen Generationen war Frankreich zwar nach wie vor ein Bezugspunkt, aber der Horizont hatte sich für sie nun entscheidend erweitert.

Unter Charles de Gaulle (1958-1969) schien Frankreich stabiler und vertrauenswürdiger, aber die manchmal autoritäre Persönlichkeit des Präsidenten, seine USA-kritische Politik (1966 verließ Frankreich die NATO) und seine Europastrategie (Veto gegen den Eintritt Großbritanniens in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Ablehnen des Prinzips der Supranationalität) brachte ihm in Belgien heftige Kritik ein, besonders in Flandern und in offiziellen Kreisen. Seinen Nachfolgern gelang es jedoch, dieses Bild der Unnachgiebigkeit abzuschwächen, auch in Hinblick auf Europa, zu dessen klaren Befürwortern Valéry Giscard d‘Estaing und François Mitterrand gezählt werden können. Außerdem beobachtete Belgien aufmerksam die Etablierung und Entwicklung der engen deutsch-französischen Beziehungen. Diese erschienen ihm als eine Garantie für die Sicherheit in Europa, aber Belgien befürchtete auch, dass diese neue Einheit zweier größerer Mächte zu Lasten des politischen Gewichts der ‚kleinen‘ Beneluxländer gehen könnte.

Wie steht es um die andere Sichtweise auf die dargestellten Beziehungen bzw. um Frankreichs Blick auf Belgien? Mit dem Eintritt in den Kalten Krieg und der Etablierung eines multilateralen Beziehungsgeflechts zu anderen Staaten sah Frankreich in Belgien nicht länger einen unverzichtbaren Verbündeten, sondern einen von vielen Partnern des westlichen Blocks bzw. in Europa. Folglich ließ das Interesse seitens Paris für Brüssel nach. Außerdem gab es Unsicherheiten in Frankreich wie es sich gegenüber Belgien angesichts der sich dort immer stärker ausprägenden Konflikte zwischen den Gemeinschaften verhalten solle. Darauf bedacht, nicht dafür beschuldigt zu werden, sich in diese Angelegenheit einzumischen, versuchte Frankreich aber dennoch, zu Flandern, dem neuen wirtschaftlichen Motor Belgiens, gute Beziehungen aufzubauen. Diese Aktivitäten hatten zum Ziel, die während der Zwischenkriegszeit in Flandern entstandene Frankophobie aufzuheben und eine komplette kulturelle und sprachliche ‚Entfranzösisierung‘ zu verhindern. Auch nach 1958 änderte Frankreich diesen Kurs ‚offiziell‘ nicht, obwohl das Interesse an Wallonien offensichtlich in gaullistischen Kreisen so viele Anhänger fand, dass es bereits Gerüchte gab, hier seien Annexionsbestrebungen im Spiel. Die 1960er- und 1970er-Jahre standen zudem in Frankreich im Zeichen der Implementierung einer politischen und kulturellen Frankophonie. Aber würde es Frankreich gelingen, seine Partner aufgrund der gemeinsamen Sprache und einer geteilten Kultur als gleichwertig anzusehen?

 

Von 1970 bis heute

Ab 1970 durchlebte Belgien unvermittelt rasche institutionelle Veränderungen. Innerhalb von 25 Jahren wich der Einheitsstaat einem ‚Einheitsföderalismus‘, der drei Kultur- bzw. Sprachgemeinschaften (die französische, niederländische und deutsche) und drei Regionen (Flandern, Wallonie, Brüssel) anerkennt. 1993/94 erhielten diese föderalen Entitäten das Recht, innerhalb ihrer Zuständigkeitsbereiche eigene internationale Beziehungen zu unterhalten. Auch wenn Frankreich zu den besonders privilegierten Grenzpartnern zählte, z.B. im Rahmen der europäischen INTERREG-Programme, ist dennoch deutlich, dass das nun auf dem internationalen Parkett durch die öffentliche Verwaltungseinrichtung Wallonie-Bruxelles International (WBI) vertretene französischsprachige Belgien vor allem daran interessiert war, seine kulturellen Kontakte zu diversifizieren und wirtschaftliche Interessen sowie künstlerischen Austausch miteinander zu verknüpfen. Auch wenn die Beziehungen zu Frankreich privilegiert bleiben, werden daher Deutschland und die Niederlande, Partner in der Euregio Maas-Rhein und/oder in der Grande Région (‚Großregion‘), ebenso in die Beziehungen eingebunden wie Frankreich. Im Hennegau setzt man auf die Partnerschaften, die Flandern und die Wallonie mit  Nord-Pas-de-Calais (heute: Hauts-de-France) verbindet. Anders ausgedrückt wurde die Ära der poetischen Frankophilie gegen eine neue der vertraglich abgesicherten Freundschaft eingetauscht. Dennoch sollte man die Zurückhaltung und die Widerstände Frankreichs gegenüber dem belgischen Föderalisierungsprozess nicht unterschätzen. Als nach wie vor stark zentralisierter Staat ist es für Frankreich undenkbar, die Ebene der Zwischenstaatlichkeit zu verlassen. In den 1980er- und 1990er-Jahren hielt es sich daher regelmäßig an die Vorgaben, die der belgische Staat hinsichtlich der Beziehungen zu den föderalen belgischen Entitäten machte. So unterzeichnete von belgischer Seite aus die französischsprachige Gemeinschaft erst 1999 ein Kooperationsabkommen mit Frankreich und erst 2004 schloss Frankreich dann ein Abkommen mit der wallonischen Region und erkannte damit deren Befugnis  an, internationale Beziehungen einzugehen. 

In Hinblick auf Wirtschaft und Handel, übertraf seit Mitte der 1960er-Jahre das flämische Bruttoinlandsprodukt das wallonische, im Anschluss wuchs die Kluft zwischen den beiden ständig weiter. Einige französische Diplomaten appellierten deshalb an Paris, eine Politik anzustreben, die stärker darauf zielen solle, das wirtschaftliche Gleichgewicht zwischen beiden Regionen zu fördern. Dieser Forderung lag die Annahme zugrunde, dass Belgien einem höheren Risiko einer Implosion ausgesetzt sei, wenn es zu einem starken wirtschaftlichen Ungleichgewicht zwischen den Regionen käme. Ohne einen Kausalzusammenhang zu diesen Überlegungen nahe legen zu wollen, ist zu konstatieren, dass sich in den 1980er-Jahren ein Phänomen ausbildete, das flämische Beobachter als ‚Französisierung‘ der belgischen Wirtschaft bezeichneten. Mehrere große französische Unternehmen verstärkten damals nicht nur nachhaltig ihre Präsenz in Belgien, sondern auch ihren Einfluss. Als markantes Beispiel für diesen Prozess kann das Unternehmen Suez angesehen werden, das 1988 die Bieterschlacht um die Société générale, ein unternehmerischer Meilenstein der Geschichte des belgischen Kapitalismus, gewann. Einige Jahre zuvor, exakt im Jahr 1982, war es dann auch ein Franzose, Jean Gandois, der von der belgischen Regierung gebeten wurde, einen Plan zur Rettung der wallonischen Eisen- und Stahlindustrie auszuarbeiten, der drastische und auch schmerzvolle Maßnahmen erfordete.

Belgien ist heute der fünftgrößte Einfuhrpartner bzw. Kunde Frankreichs und Frankreich, nach Deutschland, der zweitgrößte Kunde Belgiens. Im Bereich des Exports ist Frankreich der drittgrößte Ausfuhrpartner bzw. Lieferant Belgiens, nach den Niederlanden und Deutschland, während Belgien den viertgrößten Lieferanten für Frankreich darstellt. Schließlich ist, was die Investitionen betrifft, Belgien der viertgrößte europäische Investor in Frankreich und Frankreich wiederum der zweitgrößte Investor in Belgien. Aber die Relevanz der wechselseitigen Verflechtungen beider Länder zeigt sich auch an der hohen Zahl französischer Studierender für das Lehramt an weiterführenden Schulen, die in Belgien leichter einen Zugang zu ihrem Studium finden, da dieses in Frankreich noch stark kontingentiert ist. Ferner könnte man in diesem Zusammenhang auf den Reiz verweisen, den Frankreich für die vielen belgischen Rentner hat, die ein mildes Klima suchen … oder umgekehrt auf die Anziehungskraft, die gewisse Optionen der belgischen Steuerpolitik auf vermögende Franzosen ausüben.

Die letzte Fußballweltmeisterschaft (2018 in Russland) zeigte deutlich, wie Leidenschaften, gegenseitige Stereotype und Rivalitäten sich in Nachbarschaftsbeziehungen Bahn brechen. Dies war auch und vielleicht besonders bei Wallonen und den französischsprachigen Brüsselern fasslich, denn ihre Nähe zu Paris hebt keineswegs die ihnen eigene Identität auf, ganz im Gegenteil. Dennoch wird ein französischsprachiger Künstler aus Belgien tatsächlich oft erst dann im eigenen Land anerkannt, wenn er bereits in Paris Wertschätzung gefunden hat. Frankreich bleibt also ein attraktiver Nachbar, welchen man mit einer klugen Mischung aus Neid und - manchmal auch beißender - Ironie beobachtet. Frankreich ist zudem nach wie vor ein äußerst beliebtes Urlaubsziel und ein bedeutender Handelspartner. Zusammenfassend könnte man sagen, dass die französisch-belgischen Beziehungen mit der Zeit gereift, gar erwachsener, viel gleichberechtigter und demnach vielleicht auch gefestigter geworden sind.

- Prof. Dr. Catherine Lanneau, Université de Liège -

Übersetzung Donato Morelli/Sabine Schmitz

 

Belgien in der EU – eine kleine Geschichte

I. Der Einfluss Belgiens auf den Europäischen Integrationsprozess

Als Gründungsmitglied der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS, 1951), der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG, 1957) wie auch der Europäischen Atomgemeinschaft (EAG, 1957) gehört Belgien seither zu den bedeutendsten Fürsprechern der europäischen Integration. Für die Belgier stellt der Prozess der europäischen Integration ein wichtiges politisches Projekt dar, das dem heutigen föderalen Staat die Möglichkeit eröffnet, seinen politischen Einfluss auf der internationalen Bühne zu vergrößern.

Paul-Henri Spaak. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-39998-0427 / CC-BY-SA 3.0

Bereits unter Außenminister Paul-Henri Spaak setzte sich Belgien in den 1960er Jahren in seiner Europapolitik verstärkt für den europäischen Integrationsprozess ein. Paul-Henri Spaak gilt heute als ein bedeutender Pionier eines geeinten Europas, der in seiner Amtszeit das außenpolitische Ziel eines engeren Zusammenschlusses der europäischen Völker verfolgte wobei die Nationalstaaten allmählich ihre Kompetenzen an eine übergeordnete Behörde  - die heutige Europäischen Union - übertragen sollten. Doch von Seiten des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle kam Gegenwind, da dieser vielmehr die Vorstellung eines „Europas der Vaterländer“ verfolgte und eine vertiefte europäische Integration in den 1960er Jahren vehement ablehnte. Seine Vision war ein Europa der Staaten, aber kein Europa über den Staaten. Die Integration Europas würde seiner Auffassung nach zur Auflösung europäischer Nationen führen. Dadurch rückte wieder verstärkt die Wahrung nationalstaatlicher Interessen in den Vordergrund, als Gegenpol zur Vision einer vertieften europäischen Integration. Paul-Henri Spaak hatte schnell erkannt, dass der Platz Belgiens innerhalb eines weit größeren Verbundes sei, im Rahmen dessen die nationalen Interessen besser verwirklicht werden konnten. Spaak war zutiefst davon überzeugt, dass Belgien sich politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich nur entfalten könne, wenn das Land in erster Linie europäisch denken und handeln würde. Bei Gesprächen mit dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer betonte Spaak die Notwendigkeit zur Fortsetzung eines politisch getragenen Einigungswerks und verwies auf die Gefahr hin, dass die Erweiterung eines wirtschaftlichen Europas die Ausdehnung einer politischen Gemeinschaft hemmen könnte. Von den politischen Dynamiken der Zeit geleitet, sowie angesichts des französischen Widerstands rückte die zwischenstaatliche Zusammenarbeit auf europäischer Ebene stärker in den Vordergrund.

In den 1970er Jahren beteiligte sich Belgien unter Ministerpräsident Leo Tindemans aktiv an der Umsetzung der europäischen Integration, die er zur Herzenssache erklärte. Tindemans wurde vom Europäischen Rat damit beauftragt, einen Bericht zur Lage der europäischen Gemeinschaft zu erarbeiten, der als Richtschnur für Integrationsfortschritte in Krisenzeiten dienen sollte. Tindemans pochte entgegen allen Widerstands anderer Mitgliedstaaten darauf, dass die Übertragung von nationalen Kompetenzen an gemeinsame europäische Organe eine Notwendigkeit sei.

Belgien gilt nach wie vor als der europäischste aller EU-Mitgliedstaaten, der sogar jederzeit die eigene Souveränität zu Gunsten eines föderalen Europas einzutauschen gewillt ist. Auch innerhalb des Rates der Europäischen Union (Ministerrat), wo die jeweiligen Interessen der Mitgliedstaaten vertreten sind, wird deutlich, dass Belgien zu jenen Ländern gehört, die bei europapolitischen Fragen meistens die Position der EU-Kommission verfolgen.

Ein flüchtiger Blick auf die politische und kulturelle Geschichte des Landes verdeutlicht, dass die europapolitische Ausrichtung Belgiens gewissermaßen in der geopolitischen DNA des Föderalstaates verankert ist. Gemeinsam mit den Niederlanden bildet Belgien einen Außenposten zur angelsächsischen Welt, der auf eine verstärkte transatlantische Beziehung ausgelegt ist.

Belgien hat seit Beginn der Entstehung des europäischen Integrationsprojekts schnell erkannt, dass in einer globalisierten Welt, globale Herausforderungen und Krisen nur in Zusammenarbeit mit anderen Mitgliedstaaten zu bewältigen sind.Der belgische integrationspolitische Einsatz gilt in besonderem Maße der weiteren Integration und Vertiefung der EU, der Weiterentwicklung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion, der Stärkung der inneren und äußeren Sicherheit sowie der Migrationspolitik.

Leo Tindemans. Quelle: siehe unten.

II. Belgiens strategische Partner in der EU

Mit seinen rund 11 Millionen Einwohnern gehört Belgien zu den kleineren Mitgliedstaaten, weshalb die belgische Europapolitik innerhalb Westeuropas das Ziel verfolgt, die Position kleinerer Länder durch eine engere Zusammenarbeit auf europäischer Ebene zu stärken. Der Dreierbund BENELUX (Belgien, die Niederlande, Luxemburg) ist insbesondere in europäischen Fragen zu einem wichtigen Akteur auf europäischer Ebene avanciert. Die Benelux-Staaten stimmen sich traditionsgemäß in europapolitischen Fragen eng miteinander ab, um auf EU-Ebene ihre Interessen gegenüber größeren Mitgliedstaaten wie Deutschland, Frankreich, Italien oder den Visegrad-Staaten (Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei) besser durchsetzen zu können. Die jahrzehntelange Zusammenarbeit zwischen den Benelux-Staaten hat sich auf europäischer Ebene insofern zu einer Besonderheit entwickelt, als dass sich die Regierungs- und Staatschefs bei den Gipfeltreffen des Europäischen Rates sich im Vorfeld gegenseitig eng beraten, wie es bei den hohen Beamten in den Außenministerien bei ihren Sitzungen der Fall ist. In den Diskussionen über die Zukunft der EU treten die Benelux-Staaten überwiegend als gemeinsamer Block auf.

Während in der Vergangenheit die Benelux-Staaten (Belgien 12, die Niederlande 13, Luxemburg 4) nach dem Abstimmungsverfahren des Nizza-Vertrags gemeinsam ein Stimmengewicht hatten, das dem von Deutschland (29) oder Frankreich (29) entsprach, ist dies aufgrund der Änderung der Abstimmungsverfahren im Lissabon-Vertrag seit 2014 nicht mehr der Fall. (Nach dem Lissabon-Vertrag fußt das Stimmengewicht im Ministerrat bei Entscheidungen mit qualifizierter Mehrheit auf zwei Abstimmungsmodalitäten, nämlich dem Bevölkerungsquorum (65% der EU-Bevölkerung) sowie dem Mitgliedstaatenquorum (55% = derzeit 16 der Mitgliedstaaten)). Nach der alten Regelung des Nizza-Vertrags verfügte Deutschland über so viele Stimmen wie Belgien, die Niederlande und Luxemburg zusammen. Mit Blick auf das demografische Kriterium spielen bevölkerungsreiche Länder wie Deutschland, Frankreich, (Großbritannien) und Italien eine stärkere Rolle bei der Entscheidungsfindung im Ministerrat. Neben Wirtschaftskraft, Geografie, dem politischen System wird die Verhandlungsmacht eines Mitgliedsstaates nun auch durch die Bevölkerungsgröße bestimmt.

Die Benelux-Staaten treten auf europäischer Bühne immer wieder als Brückenbauer auf. So findet z. B. Belgien als europäisches Kompromissland in Frankreich und bei den europäischen Institutionen mehr Gehör und kann die nationale Position des jeweiligen Mitgliedstaates wirkungsvoller beeinflussen. Ebenso wie bei seinen traditionellen Partnern, den Niederlanden und Luxemburg, hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Belgien nur innerhalb einer starken Union seine Interessen verfolgen kann. Ein weiterer Grund, weshalb Belgien sich in seiner Europapolitik meistens zugunsten einer vertieften europäischen Zusammenarbeit ausgesprochen hat, liegt darin, dass die europäischen Institutionen die Machtpositionen größerer Mitgliedstaaten wie Deutschland, Frankreich, Italien oder Spanien in ein Gleichgewicht bringen. Davon profitieren kleinere Länder wie Belgien, Luxemburg oder die Niederlande.

III. Belgiens Präsenz in der EU heute

Belgien soll in der neuen EU-Kommission unter der deutschen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen durch den langjährigen belgischen Außenminister Didier Reynders als Justizkommissar vertreten werden. Das Präsidentenamt des Europäischen Rates wird der ehemalige belgische Premierminister Charles Michel für die nächsten zwei Jahre bekleiden. Er ist somit der zweite Belgier in diesem Amt.

- Von Ermal Ndini,  Brüssel -

 

Quelle zum Bild Leo Tindemans':

Ein neues Video!

Das Redaktionsteam hat ein Video über die "neue" Handelsbörse in Antwerpen erstellt. Lernen Sie in diesem Video über die Entstehung der Börse, ihre Funktion, das Gebäude im Zentrum Antwerpens sowie über die Bedeutung dieser Börse für die Handels- und Finanzgeschichte Europas. Das video finden Sie auf dieser Seite. Viel Vergnügen!

Meldung: Am kommenden Sonntag, den 13. Oktober 2019, wieder das restaurierte Gebäude der Handelsbörse wieder für das Publikum eröffnet. Nutzen Sie die Gelegenheit, um Antwerpen zu besuchen.

Belgien und Deutschland – eine kleine Beziehungsgeschichte

Wer in der Öffentlichkeit von den Beziehungen zwischen Belgien und Deutschland spricht, erzählt zumeist eine Erfolgsgeschichte: Zwei europäische Partner mit vielen gemeinsamen Interessen und intensiven Wirtschafts- und Handelsbeziehungen und kaum je politischen Streitfragen. Dass Belgien nach zwei deutschen Besatzungen in den beiden Weltkriegen seit dem Ende der 1940er Jahre zu den ersten Ländern gehörte, die eine Annäherung an Westdeutschland suchten, darf dabei nicht unerwähnt bleiben und rechtfertigt die Erzählung vom Erfolg schon fast von selbst.

Wer sich kritisch gibt, gießt etwas Wasser in den Wein und bemerkt, dass zwar die Beziehungen zwischen politischen und wirtschaftlichen Eliten gut sind, dass man jedoch eigentlich viel zu wenig über den Nachbarn wisse. Auf deutscher Seite stellt sich die Frage nach der Asymmetrie des Verhältnisses zu den kleinen Nachbarländern. Für Belgien wird dies noch verstärkt durch die Wahrnehmung eines Staates, dessen Ende vermeintlich kurz bevorsteht. Auf belgischer Seite richtet sich der Blick eher auf den Nachbarn, mit dem man eine Sprachgruppe teilt, also – von den 80.000 Bewohnern der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens („Ostbelgien“) einmal abgesehen –  die Niederlande und Frankreich.

Nichts davon ist falsch, doch sagt es letztlich wenig über die Vielschichtigkeit der Beziehungen zwischen Belgien und Deutschland aus. Um die vielfältigen Verflechtungen der beiden Länder im Ansatz zu erfassen, hilft ein kurzer Blick in die Geschichte.

 

Langes 19. Jahrhundert 

Der Bruch, den der deutsche Überfall im August 1914 für das Verhältnis zwischen den beiden Nachbarn bedeutet, kann kaum überschätzt werden. Preußen war seit dem Londoner Vertrag von 1839 immerhin eine der Garantiemächte der belgischen Neutralität gewesen. Auch wenn die geopolitische Konstellation nach 1871 dafür gesorgt hatte, dass viele Belgier dem aufstrebenden Kaiserreich mit Vorsicht, teils auch mit Misstrauen begegneten und es beileibe nicht nur positive Deutschlandbilder gab, existierten vielfältige Formen des grenzüberschreitenden Miteinanders zwischen zwei dynamischen Industriegesellschaften.

Das Selbstbild vieler belgischer Eliten, die ihr Land als terre d’entre-deux zwischen dem germanischen und romanischen Kulturraum betrachteten, gehörte ebenso dazu, wie die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen, die vor allem ab den 1880er Jahren zunehmend von Wissens-, Kapital- und Technologietransfer in beide Richtungen geprägt waren.

Die belgische Universitätsgeschichte im 19. Jahrhundert kann nicht ohne den Einfluss durch deutsche Wissenschaftler und durch das Humboldtsche Modell geschrieben werden. Den zunehmenden Einfluss der deutschen Sprache förderten zahlreiche deutsche Haus- und Kindermädchen in großbürgerlichen Haushalten. Doch blieben auch Stereotype weit verbreitet – ablesbar beispielsweise an den Namen von Gaststätten bei der Internationalen Ausstellung in Lüttich im Jahr 1905: „Walhalla“, „Trinkhalle“, usw.

Im preußisch-belgischen Grenzraum war die Staatsgrenze zwar ein pass- und zollrechtlicher Faktor, doch waren soziale, religiöse und wirtschaftliche Grenzüberschreitungen gang und gäbe.

 

Erster Weltkrieg

Es verwundert daher kaum, dass im August 1914 die Propaganda vom deutschen Einmarsch in Belgien als Reaktion auf das Vorrücken der Franzosen vor allem auf der deutschen Seite der Grenze in erheblichem Maße verfing. Auf der belgischen Seite sah die Situation anders aus: das deutsche Ultimatum vom 2. August 1914, das den Durchzug der deutschen Armee verlangt hatte, wurde von König und Regierung zurückgewiesen. Die belgischen Truppen leisteten den einrückenden deutschen Soldaten unerwartet heftigen Widerstand. Der Vormarsch der Deutschen wurde von brutalen Maßnahmen gegenüber der belgischen Zivilbevölkerung begleitet, die von der deutschen Seite als Vergeltungsmaßnahmen für vermeintliche „Franktireur“-Angriffe verteidigt wurden und über 6.000 Opfer forderten.

Belgien wurde bis auf einen schmalen Küstenstrich besetzt und als Generalgouvernement verwaltet. Die deutsche Besatzung war vor allem um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, die Integration der belgischen Industrie in die Kriegswirtschaft und die kulturpolitische Begünstigung Flanderns („Flamenpolitik“) bemüht. Ein kleiner radikaler Teil der flämischen Bewegung – rund 15.000 Personen – kollaborierte aktiv mit dem Besatzer. Neben dem Kampf gegen Widerständler war es vor allem die ab November 1916 durchgeführte Deportation von 120.000 Belgiern zur Zwangsarbeit in das Reich, die die Zurückweisung der Besatzung beförderte. Nach Kriegsende sollte sich dies in heftigen antideutschen Ressentiments äußern.

Durch den Versailler Vertrag erweiterte sich das belgische Territorium um einige deutschen Gebiete. Öffnen Sie diese Karte, um Näheres über den veränderten Grenzverlauf zu erfahren: EMS-1920-Brüll

Zwischenkriegszeit

Das belgisch-deutsche Verhältnis der Zwischenkriegszeit wurde in erheblichem Maße von den Kriegsfolgen bestimmt: Wirtschaftliche und finanzielle Reparationsfragen, die im Versailler Vertrag nicht abschließend geregelt wurden, der Streit um die „Franktireur-Frage“, die belgische Abkehr von der Neutralität und die Beteiligung an der Besatzung im Rheinland und im Ruhrgebiet. Dazu kamen die Nachwehen der territorialen Vergrößerung Belgiens mit der von Deutschland nie hingenommenen Abtretung der beiden Kreise Eupen und Malmedy. Nach 1933 verstärkte das NS-Regime die Bemühungen, Belgien aus dem Generalstabsabkommen mit Frankreich herauszulösen. Nachdem die belgische Regierung 1936 die so genannte Unabhängigkeitspolitik ausrief, lieferte das Reich 1937 eine Garantieerklärung für die belgische Souveränität, die jedoch spätestens im Mai 1940 nur noch Makulatur war.

 

Zweiter Weltkrieg

Die zweite deutsche Besatzung Belgiens innerhalb eines Vierteljahrhunderts folgte ähnlichen Prämissen wie im Ersten Weltkrieg. Sowohl Kollaboration (über 50.000 Verurteilungen ergingen nach 1945) als auch Widerstand (rund 150.000 Personen wurden als Mitglieder des Widerstands anerkannt) nahmen im Vergleich deutlich zu, blieben jedoch Randerscheinungen. Der übergroße Teil der belgischen Bevölkerung verblieb in den Grautönen des Besatzungsalltags.

Die nationalsozialistische Verfolgungspolitik forderte zahlreiche Opfer: von den etwa 70.000 Juden, die im Mai 1940 in Belgien lebten, wurden ab dem Sommer 1942 über 25.000 nach Auschwitz deportiert. 354 Sinti und Roma erlitten dasselbe Schicksal.

Im „Generalprozess“, den die belgischen Strafverfolgungsbehörden 1950/1951 u.a. gegen den Militärbefehlshaber Alexander von Falkenhausen und den Chef der Militärverwaltung Eggert Reeder führten, kam dem Mord an den Juden jedoch nur eine untergeordnete Bedeutung zu, vielmehr ging es um die Repressionsmaßnahmen gegenüber Mitgliedern des Widerstands. Als Folge der Nachkriegsprozesse gegen deutsche Kriegsverbrecher und belgische Kollaborateure wurden in Belgien von 1.600 Todesurteilen 242 vollstreckt – exakt die Anzahl von Geiseln, die die deutsche Militärverwaltung als „Vergeltungsmaßnahme“ für Widerstandsakte hatte hinrichten lassen. Mit Pieter Lagrou (2006) lässt sich die belgische Haltung gegenüber Deutschland in der Nachkriegszeit als „eine Frage der moralischen Überlegenheit“ charakterisieren – die Auffassung, dass man nach zwei Besatzungen besser (als die Alliierten) wisse, wie mit den Besiegten umzugehen sei, war weit verbreitet.

Anton Pfeiffer, erster Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Belgien (1951-1954)

Belgien und die Besatzung Deutschlands

Am 8. Mai 1945 befanden sich rund 75.000 belgische Soldaten auf deutschem Boden. Als Teil der alliierten Truppen nahmen sie an der Besetzung des besiegten Deutschlands teil. Diese Militärpräsenz war in den Augen der belgischen Regierung das geeignete Mittel, um ihre konkreten Vorstellungen einer Nachkriegsordnung durchzusetzen. Wenn dies auch letztlich scheiterte, entwickelten sich die belgischen Truppen in Deutschland zu einem Gradmesser der belgisch-deutschen Beziehungen: die Belgische Besatzungsarmee wurde 1952 zu den Belgischen Streitkräften in Deutschland, die BSD bzw. FBA, deren Rolle nunmehr über Verträge, vor allem im Rahmen der NATO, geregelt wurde. Dass die belgischen Behörden im selben Jahr als letzte der ausländischen Streitkräfte Ehen zwischen Offizieren und deutschen Frauen erlaubten, zeigt jedoch auch, wie schwierig die deutsch-belgische Annäherung auf sozialer Ebene sein konnte.

Blockbildung im Westen und europäische Integration

Politisch waren die belgischen Regierungen auf den ersten Blick weniger zurückhaltend: Die Benelux-Länder unterstützten die Gründung der Bundesrepublik und Belgien war mit Dänemark im März 1951 das erste Land, das mit der jungen Bundesrepublik diplomatische Beziehungen aufnahm und rasch in Verhandlungen um einen Ausgleichsvertrag für die Kriegsfolgen eintrat. Doch sollte man sich nicht täuschen: in den Augen der Brüsseler Regierungen war dies nicht zuletzt Sicherheitspolitik. Die Westintegration der Bundesrepublik erwies sich als der beste Weg, eine neue deutsche Aggression gegenüber den Nachbarn zu verhindern – diese Sichtweise konvergierte mit der Strategie Konrad Adenauers, der in der Westbindung das beste Mittel zur politischen Gleichstellung erkannte. Dem Historiker Michel Dumoulin (1998) zufolge, war das Verhältnis Belgiens zu Deutschland Ende der 1950er Jahre – im Kontext des Kalten Krieges und der beginnenden Europäischen Integration – von „Argwohn“ in „konstruktives Misstrauen“ umgeschlagen.

Mental waren die Folgen der beiden Weltkriege in Belgien immer noch stark präsent, wenn auch das so genannte Wirtschaftswunder Respekt hervorrief. Vier bilaterale Verträge regelten schließlich die so genannte Kriegsfolgenfrage: (1) Der deutsch-belgische Ausgleichsvertrag vom September 1956 regelte Grenzfragen – und beendete so offiziell den Konflikt um das 1920 abgetretene Gebiet von Eupen-Malmedy –, legte erste Entschädigungen für NS-Opfer in Belgien fest und beinhaltete ein Kultur- sowie ein Doppelbesteuerungsabkommen. (2) Im Rahmen der so genannten Globalabkommen schlossen die Bundesrepublik und Belgien 1960 einen Vertrag, der Zahlungen in Höhe von 80 Millionen DM an Belgien vorsah, um NS-Opfer zu entschädigen, wobei die Festlegung der entsprechenden juristischen Kategorien eine Angelegenheit der belgischen Seite war. (3) 1962 überwies die Bundesrepublik 30 Millionen DM zur Entschädigung von verletzten und versehrten ehemaligen Wehrmachtsoldaten aus Eupen-Malmedy, wobei die juristische Kategorisierung auch hier den belgischen Behörden oblag. (4) 1973 erfolgte eine erneute Zahlung von 13,5 Millionen DM im Rahmen von Nachverhandlungen zum Vertrag von 1962.

Entwurf der belgischen Besatzungszone in Deutschland aus dem belgischen auswärtigen Amt, um 1946

Belgien und die „neue Ostpolitik“

Im Rahmen der vom Kalten Krieg geprägten internationalen Beziehungen wurde das Verhältnis vertrauensvoller. Zwar wurden deutsche Initiativen zur Verständigung mit den osteuropäischen Ländern von politischen Akteuren in Belgien, die den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen erlebt hatten, immer noch zunächst misstrauisch beäugt, doch folgten die Regierungen danach zumeist dem deutschen Kurs. Ein gutes Beispiel hierfür ist die „neue Ostpolitik“ Willy Brandts. Aus der anfänglichen Skepsis gegenüber deutschen Alleingängen resultierte Ende 1972 nach dem deutsch-deutschen Grundlagenabkommen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Belgien und der DDR – Belgien war somit das erstes Mitgliedsland der NATO, das einen Vertrag mit der DDR abschloss.

Während Besuche auf Regierungsebene seit den 1960er Jahren schon aufgrund der Rolle Brüssels in der Europapolitik immer häufiger wurden, weilte König Baudouin 1971 erstmals zu einem Staatsbesuch in der Bundesrepublik. Bundespräsident Gustav Heinemann kam 1974 zu einer Visite nach Belgien. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre verdichteten sich die Anzeichen für einen belgischen Staatsbesuch in der DDR. Dazu kam es jedoch nicht mehr.

 

Belgien und die deutsche Einheit

Die Haltung der belgischen politischen Kreise gegenüber der Aufhebung der staatlichen Teilung Deutschlands und der Einheit ist rasch skizziert: kein großer Enthusiasmus, dafür Pragmatismus und Bestehen auf dem Grundsatz, dass ein geeintes Deutschland weiterhin fester Bestandteil der westlichen Bündnissysteme und vor allem der Europäischen Gemeinschaft sein sollte. Laut Eurobarometer folgte die belgische Bevölkerung dieser Politik und befürwortete die Einigung mit im Vergleich zu den Niederlanden und Frankreich überdurchschnittlichen Zustimmungswerten: 71 Prozent dafür (dagegen: 15 Prozent, ohne Meinung: 14 Prozent) im November 1989, 61 Prozent dafür (dagegen: 19 Prozent, ohne Meinung: 20 Prozent) im Mai 1990 und 69 Prozent dafür (dagegen: 16 Prozent, ohne Meinung: 15 Prozent) im Oktober 1990. Ein Jahr später erachteten nur noch 50 Prozent der Belgier die Folgen der Einigung für ihr Land als positiv, wohingegen 31 sie als negativ einschätzten. Diese Zahlen können als Hinweis darauf gesehen werden, dass das „deutsche Dilemma“ (Andreas Rödder, 2013) auch in Belgien präsent war und (bis heute) ist. Einerseits ist eine Führungsrolle Deutschlands in Europa eine akzeptierte geopolitische Tatsache, andererseits wird sie mit Vorsicht und Misstrauen beäugt und dies durchaus noch mit Verweisen auf die Vergangenheit.

 

Belgien und Deutschland in der Gegenwart

Die bilateralen politischen Beziehungen sind mittlerweile vor allem in den multilateralen Raum, vor allem in den Kontext der Europäischen Union eingebettet. Die belgischen Teilstaaten haben zudem seit der vierten Staatsreform (1993-1994) erhebliche Befugnisse bei der Gestaltung ihrer Außenbeziehungen. Die Wallonische Region und die Deutschsprachige Gemeinschaft haben beispielsweise in einem Abkommen festgehalten, dass letztere den gemeinsamen Vertreter der beiden Körperschaften in der belgischen Botschaft in Berlin stellt.

Zudem verweisen auch die Wirtschaftsbeziehungen auf enge Verflechtungen. Im Jahr 2017 beliefen sich die deutschen Direktinvestitionen in Belgien auf 33,5 Mrd. Euro, die belgischen Direktinvestitionen in Deutschland auf 9,2 Mrd. Euro. Belgiens Handelsbilanz mit Deutschland ist fast ausgeglichen: 2018 betrugen die deutschen Ausfuhren nach Belgien 44,4 Mrd. Euro (2017: 44,3 Mrd.), die Einfuhren 46,1 Mrd. Euro (2017: 40,3 Mrd.).

Demgegenüber verweist die Tatsache, dass nur noch ein verschwindend geringer Anteil von belgischen Schülern die deutsche Sprache erlernt, auf eine zunehmende kulturelle Indifferenz gegenüber dem deutschen Nachbarn, die im französischsprachigen Belgien allerdings verbreiteter ist als in Flandern.

-Von Dr. Christoph Brüll, Universität Luxemburg-