Der 27. September und der dritte Sonntag desselben Monats (19. September 2021) sind zwei Termine, die sowohl in der französischsprachigen belgischen Kultur als auch in dem Gedächtnis der Menschen dieser Gemeinschaft verwurzelt sind. Dabei geht es jeweils um das Fest der Föderation Wallonien-Brüssel, d.h. der Französischen Gemeinschaft und das Fest der Wallonischen Region. Diese sind zwei Feste, die jedes Jahr, sowie seit mehreren Jahrzehnten, gefeiert werden. Das gleiche gilt auch in diesem Jahr. Diese Feierlichkeiten stellen ein fast unersetzliches Ritual dar, das für die Bewohner dieser Kulturgemeinschaft nicht vermeidlich ist. Die Bevölkerung dieser Gemeinschaft ist in zwei Regionen Belgiens zu finden, die durch ein und dieselbe Sprache sowie durch eine gemeinsame Kultur verbunden sind. In ihrem kulturellen Erbe zählt die südliche Region des belgischen Königreichs mehrere Feste und Festivals, die sie zu einer Region mit einer reichen und vielfältigen Kultur machen und in der die Bevölkerung gerne ihre Geschichte und Kultur feiert. Diese Eigenschaften stellen den Stolz und die Ehre dar, die die Wallonen sowie alle Französischsprachigen Belgier für ihre Geschichte, Traditionen und Bräuchen haben.

In diesem Artikel werden einige Punkte bezüglich dieser Feste behandelt. Im nächsten Schritt ist es vor allem wichtig, einen historischen Überblick zu geben, damit man den Ursprung dieser beiden Feste erfahren kann und genau weiß, was dort seit wann und warum gefeiert wird. Danach werden die Feierlichkeiten behandelt, die die Französischsprachigen Belgier seit langem prägen. Dabei geht es darum eine allgemeine und globale Vorstellung der Art der Feierlichkeiten zu erhalten, die diesen Festen gewidmet sind. Außerdem ist es relevant zu wissen, wie diese normalerweise organisiert sind und welche Rituale diese beiden Termine kennzeichnen. Schließlich ist es sehr wichtig zu erfahren, wie diese Feiertage im Jahr 2020 sowie im Jahr 2021 gefeiert wurden, und dies inmitten der Covid-19-Krise. Es ist interessant, eine Vorstellung davon zu haben, welche Änderungen in Bezug auf diese beiden Termine aufgrund der Gesundheitskrise, die die ganze Welt bereits seit anderthalb Jahren betrifft, vorgenommen werden mussten. Eine Pandemie, die Zehntausende Belgier, darunter Wallonen und Walloninnen, das Leben kostete. Darüber hinaus spielen auch die Überschwemmungen in Wallonien und all die Schäden und Verluste, die sie im letzten Sommer verursacht haben, eine Rolle bei der Art und Weise, wie diese Feste in diesem Jahr stattfinden würden.

Inhaltsverzeichnis

  1. Der Ursprung der Feste
  2. Die Einführung der beiden Feste
         a. Die Feste Walloniens

         b. Das Fest der Französischen Gemeinschaft
  3. Die Feierlichkeiten durch die Zeit
  4. Die Feierlichkeiten im Jahr 2021
  5. Fußnoten
  6. Quellen

Der Ursprung der Feste

Auch wenn diese beiden Feste unterschiedliche Festtage sowie verschiedene Rechtsverordnungen haben, die sie in Kraft setzten, so ist ihr Ursprung dennoch derselbe. Beide feiern während der belgischen Revolution vom Jahr 1830 die „September-Tage“. Die Frage, die sich stellt, ist, was trieb die Belgier, insbesondere die Brüsseler, im frühen 19. Jahrhundert auf die Straße, um ihrem Zorn Ausdruck zu verleihen und um Gerechtigkeit sowie ihre Unabhängigkeit zu erlangen? Um diese Frage beantworten zu können, ist eine Kontextualisierung der Zeit notwendig.

Nach langen Jahren napoleonischer Kriege, die Europa erschütterten und ihr Bild neu formten und prägten, hat sich die Weltordnung viel geändert. Nachdem die Briten zusammen mit den Russen und Preußen Napoleon am Anfang des 19. Jahrhundert besiegt haben, haben sie die Gebiete des heutigen Belgiens dem niederländischen König Wilhelm I. gegeben. So sind sie Teil des Vereinigten Königreichs der Niederlande geworden. Aufgrund der vielen Unterschiede zwischen dem nördlichen und südlichen Teil des neuen niederländischen Königreichs, wie Religion, Sprache, Reichtum usw., verursachte die niederländische Politik in den belgischen Gebieten Irritationen. Was genau von den Belgiern bestritten wurde, waren „die Durchsetzung der niederländischen Sprache in der flämischen Region, die Errichtung eines staatlichen Monopols im Bildungsbereich und die Einschränkung der Religionsfreiheit sowie die Überrepräsentation der Niederländer in der Regierung“.[1] Eine weitere große Quelle der Spannungen zwischen den Belgiern und der Zentralregierung der Niederlande war die Art und Weise, wie das umstrittene Grundgesetz vom 24. August 1815 ("die holländische Arithmetik") durchgesetzt wurde.

Nach all diesem Spannungszuwachs, der etwa fünfzehn Jahre lang gedauert hat, begannen im August 1830 Massen auf die Straße zu gehen. Doch am 25. August desselben Jahres kam es in Brüssel zu einem Aufstand in der Bevölkerung. Die Unruhen sollten „Reformen fordern, die den Beschwerden der Belgier gerecht werden können.“[2] Kurz bevor diese Unruhen ausbrachen, gab es eine große Vorstellung im Théâtre de la Monnaie in Brüssel. Es war eine romantische Oper des französischen Komponisten Daniel-François-Esprit Auber, die den dringenden Wunsch der Menschen nach ihrer Freiheit in den Mittelpunkt stellte. Ein damals aktuelles Thema. Schon nach wenigen Tagen erreichten diese vom Volk initiierten und später vom Bürgertum geführten Unruhen von sozialer und reformatorischer Bedeutung viele andere belgische Regionen und Städte, wie Lüttich, Antwerpen, Brügge, Namur oder Mons.[3]

Statt die ständig wachsenden Spannungen in den südlichen Territorien seines großen Königreichs abzubauen, nahm Wilhelm I. die Forderungen der Delegationen aus Brüssel und Lüttich sowie die belgische Frage nicht ernst genug. Tatsächlich, anstatt die Situation zu verbessern und die Menschen zu beruhigen, indem er zum Wohle seiner südlichen Untertanen Veränderungen vornahm, „brachte der niederländische König [diese] Problematik nur den Generalständen vor.“[4] Eine Langsamkeit, Rücksichtslosigkeit und Entscheidungslosigkeit, die bei den Belgiern für noch mehr Unzufriedenheit sorgten. Was die wütenden Belgier außerdem dazu veranlasste, ihre Anstrengungen zu verdoppeln und für mehr Freiheit und für die Verbesserung ihres täglichen Lebens zu kämpfen, war die Tatsache, dass der König seinen Sohn, Prinz Wilhelm von Oranien, nach Brüssel schickte, um dort die königliche Autorität wiederherzustellen. Anstatt das Richtige zu tun, machten die Fehler des Prinzen die Situation viel schlimmer, als sie war. Eine Veränderung, die sich auf die Forderungen selbst auswirkte, vom Wunsch nach mehr Rechten hin zu völliger Unabhängigkeit. Die kleine lokale Revolte wurde zu einem allgemeinen Aufstand, der Brüsseler, Flamen und Wallonen vereinte.[5]

Um diesen Aufstand zu beenden und die Rebellion niederzuschlagen, beauftragte Wilhelm I. seinen anderen Sohn, Prinz Friedrich von Oranien, Oberbefehlshaber der königlichen Armee, mit dieser Mission. Mit etwa 12.000 Soldaten traf er am 23. September desselben Jahres in Brüssel ein. Nach einigen Tagen erbitterter und blutiger Auseinandersetzungen mit etwa 6.000 belgischen Widerstandskämpfern in der Stadt, aber insbesondere im Brüsseler Park, zog sich die niederländische Armee in der Nacht vom 26. auf den 27. September vollständig zurück.[6] Am 4. Oktober des folgenden Jahres erklärte die "provisorische Regierung Belgiens", die acht Tage zuvor von den Unabhängigkeitskämpfern gebildet worden war, das Land für unabhängig. Am 3. November 1830 wurde der Nationalkongress ins Leben gerufen. Es dauerte bis zum 20. Dezember, bis die europäischen Großmächte in London die Unabhängigkeit Belgiens anerkannten. 8 Monate später, genau am 21. Juli 1831, war der Tag, an dem Leopold von Sachsen-Coburg-Saalfeld zum "König der Belgier" gekrönt wurde.[7]

Angesichts dieser politischen und militärischen Niederlage begann Wilhelm I. mit der Rückeroberung der belgischen Gebiete in einem 10-tägigen Feldzug, der daher auch den Namen "Zehn-Tage-Kampagne" erhielt. Vom 2. bis zum 12. August 1831 eroberte die königliche Armee der Niederlande zahlreiche flämische Gebiete. Angesichts dieser Situation wandte sich der noch junge belgische Staat an Frankreich, das der "Garant [seiner] Unabhängigkeit" war. Nach zwei Eingriffen der französischen Armee verließen die niederländischen Truppen Belgien endgültig. Am 19. April 1839 wurde im Vertrag von London die Unabhängigkeit Belgiens endgültig festgeschrieben, nachdem ein Teil Limburgs und Luxemburgs zugunsten der Niederlande abgetreten worden war.[8]

Die Einführung der beiden Feste

Wenige Monate nach seiner Gründung beschließt der Nationalkongress, dass die „September-Tage“ jährlich auf nationaler Ebene gefeiert werden sollen. Das Dekret vom 19. Juli 1831 legte jedoch kein bestimmtes Datum fest. Damals erklärte der Text, dass jede Stadt den oder die Tage, die als Festtag(e) gewählt werden sollten, basierend auf der Rolle, die die Stadt während der Revolution gespielt hatte, selbst bestimmen konnte. Nach diesem Text hatte die Stadt Brüssel den 27. September zum Jahrestag dieser Tage gewählt.[9] In den folgenden fünfzig Jahren wurden die nationalen Feiertage zum Gedenken an die „September-Tage“ mit Pomp organisiert. Sie wurden an verschiedenen Orten gefeiert und konnten mehrere Tage dauern. Die größten Feierlichkeiten fanden hauptsächlich in Brüssel statt, dem Schauplatz dieser entscheidenden Tage für die Zukunft des Königreichs Belgien. Abgesehen von der Atmosphäre und der Freude, die bei diesen Festen herrschte, die die Unabhängigkeit des Landes feierten, wurden die „Opfer der Revolution“ betrauert und den Überlebenden Ehrungen erwiesen.[10]

Nach fünfzigjähriger Feier änderte sich am 28. August 1880 alles. Tatsächlich beendete ein Gesetz die Feierlichkeiten der „September-Tage“, indem es den Zeitraum, in dem die Nationalfeiertage stattfanden, verlegte und dies für den dritten Sonntag im August festlegte. Neben der Änderung des Hauptgrundes für die Feiertage, feiert man ab dem Jahr das sehr umstrittene Nationaljubiläum, das am 16. August 1880 stattfand und nicht mehr die „September-Tage“. Alle diese Änderungen zielten darauf ab, die belgisch-niederländischen Beziehungen zu verbessern. Im Laufe der Zeit versöhnten sich die ehemaligen feindlichen Nachbarn und schlossen „viele Abkommen und (kommerzielle) Verträge“.[11]

Dieser neue jährliche Feiertag fand weder bei der Bevölkerung noch bei der Bourgeoisie Resonanz. Nach diesem Wechsel des Nationalfeiertags folgte 1890 eine weitere Veränderung. Diese dritte Abwandlung des belgischen Nationalfeiertags wird heute noch gefeiert. Es ist der 21. Juli, das Datum, an dem an die Krönung von König Leopold I., der 21. Juli 1831, erinnert wird. Dieser Tag der Amtseinführung des Monarchen wird seit 1831 feierlich begangen. Seitdem war es immer ein großer Festtag. Außerdem war dieser Tag von Anfang an einen gesetzlichen Feiertag im gesamten belgischen Staatsgebiet. Am Anfang war dieser Tag vor allem in Schulen und im öffentlichen Dienst einen Feiertag, aber König Leopold II. machte es ab 1890 zu einem Feiertag für die gesamte Bevölkerung. In den zwei Tagen, die dem 21. Juli folgen, werden auch Feierlichkeiten organisiert, obwohl diese beiden Tage nicht als Feiertage gelten.[12]

A. Die Feste Walloniens

Obwohl die belgische Zentralregierung 1880 offiziell aufhörte, die „September-Tage“ als Nationalfeiertag zu feiern, wurden sie dennoch in Brüssel und Wallonien weitergefeiert. Darüber hinaus war es während einer großen Feier gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Friedhof von Sainte-Walburge in Lüttich, dass „die [entstehende] Wallonische Bewegung sich die Erinnerung an die September-Tage angeeignet hatte.“[13] Um den Forderungen der Flamen nach einer offiziellen Amtssprache und einer „administrativen Trennung“ des Nordens (Flandern) und des Südens (Wallonien) Belgiens entgegenzuwirken, änderte die Wallonische Bewegung ihre ursprüngliche Politik, einer belgischen Einheit mit den Privilegien des Französischen durch eine Trennung der beiden Regionen, wie sich die Flamen dies wünschten. Die flämischen Nationalisten, die sich für mehr Rechte und Autonomie für ihre Region einsetzten, wurden von den Wallonen als „Flamingants“ bezeichnet. Um die Bewegung der „Flamingants“ zu kontern, verglichen die Wallonen den Kontext der 1910er Jahre mit dem der niederländischen Besatzung des frühen 19. Jahrhunderts.[14]

Um die Jahrhundertwende begann die Idee, Wallonien einen eigenen Feiertag zu verleihen, der jährlich begangen werden sollte, bei den Bewohnern der Region auf Resonanz zu stoßen. Um ein solches Datum festzulegen, mussten sich die Wallonen auf das historische Ereignis einigen, das für einen möglichen regionalen Feiertag ausgewählt werden könnte. Abgesehen von den „September-Tagen“ wurden drei weitere Ereignisse, die in irgendeiner Weise mit Wallonien verbunden waren, „von wallonischen Aktivisten sowie Presseagenturen als Referenz für den Gedenktag vorgeschlagen“.[15] Diese anderen historischen Daten waren der 18. Juni 1316 für den „Frieden von Fexhe“ (Waffenstillstand, der nach langen Kampfjahren zwischen dem Fürstbischof Adolphe de la Marck und den konstituierten Körperschaften des bischöflichen Fürstentums Lüttich in dem Dorf „Fexhe-le-Haut-Clocher“ (vorher Fexhe-le-Voué) unterzeichnet wurde). Ein weiteres Ereignis war vom 28. Oktober 1468, und zwar das Ereignis der „Sechshundert Franchimonten“ (zu Ehren der Hunderte von Franchimonten, die dem bischöflichen Fürstentum Lüttich, das regelmäßig vom Burgunderherzog Karl dem Kühnen aufgegriffen wurde, zu Hilfe kamen. Der Angriff der Franchimonten auf Karl den Kühnen und Ludwig XI. endete mit einem totalen Misserfolg sowie dem Tod aller Franchimonten und der Plünderung der Stadt Lüttich auf Befehl des Herzogs von Burgund). Als drittes Datum wurde der 6. November 1792 wegen der "Schlacht von Jemappes" vorgeschlagen. Indem es in dieser Schlacht siegte, konnte die französische Armee die belgischen Gebiete erobern, die seit 1715/16 von den Österreichern regiert wurden. Da Frankreich zu dieser Zeit eine Republik war, wurde diese Schlacht von der Wallonischen Bewegung als Symbol für den „Eintritt in ein Zeitalter der Freiheit und des Fortschritts“ gefeiert.[16]

Weil die Ereignisse des „Friedens von Fexhe“ und der "600 Franchimonten" nur mit Lüttich verbunden waren und die Schlacht von Jemappes doch sehr frankophile und antiklerikale Charakterzüge hatte, wurde von der wallonischen Versammlung in Mons und Ixelles zunächst am 16. März und dann am 20. April 1913 das Ereignis der Revolution vom Jahr 1830 ausgewählt.[17] Die Versammlung erklärte, dass „der Nationalfeiertag Walloniens am letzten Sonntag im September gefeiert wird. An diesem Tag wird an die revolutionären Tage vom Jahr 1830 zum Widerstand erinnert.“[18] Die Tatsache, dass dieses Ereignis ausgewählt wurde, um jedes Jahr in der wallonischen Region gefeiert zu werden, war auf die damals weit verbreitete Vorstellung zurückzuführen, dass es hauptsächlich die Wallonen waren, die den Brüsseler Bürgern zu Hilfe kamen und die Revolution von 1830 auslösten, wie Jules Destrée und viele andere wallonische Politiker der damaligen Zeit behaupteten. Die Beteiligung der Flamen wurde nicht geleugnet, aber sehr heruntergespielt, während die wallonische Beteiligung deutlich übertrieben wurde.[19]

Die Idee, dass es die Wallonen waren, die am meisten für die Unabhängigkeit Belgiens gegeben und geopfert hatten, hat sich nach vielen Jahrzehnten als falsch erwiesen. Laut einer sorgfältigen historischen Studie (quantitative Analyse), die von John W. Rooney Jr., einem Geschichtsprofessor an der Marquette University in den USA, durchgeführt wurde, konnte 1981 behauptet werden, dass die „überwältigende Mehrheit der Kämpfer vom September 1830 Einwohner der Stadt Brüssel und der nahegelegenen Vororte waren.“[20] Außerdem wurde festgestellt, dass die Hilfe von außerhalb für die Brüsseler sehr gering war und hauptsächlich aus Brabant kam, und dass die meisten Widerstandskämpfer einfache Arbeiter waren, von denen ein sehr großer Teil Flämisch sprach. Trotz dieser wissenschaftlichen Enthüllungen, die dem Diskurs zu Beginn des letzten Jahrhunderts widersprachen, konnte das kollektive Gedächtnis nicht verändert werden.[21]

Nachdem die Französische Gemeinschaft per Gesetzesdekret vom 20. Juli 1975 einen jährlichen Feiertag für den 27. September eingeführt hatte, feierten viele wallonische Städte, wie Namur, weiterhin sowohl den 27. September als auch die (noch inoffiziellen) Feste Walloniens von September. 18 Jahre nach der Gründung der wallonischen politischen Organe (Oktober 1980) hatte die Region Wallonien schließlich einen offiziellen, gesetzlich geregelten Feiertag. Nachdem am 10. Juni 1998 ein Vorschlag für ein Dekret zu diesem Thema eingereicht wurde (unterzeichnet von Vertretern der vier damaligen regierenden demokratischen Parteien in Wallonien (PS, Ecolo, PRL und PSC)), wurde dieser am 23. Juli 1998 angenommen und konkretisiert. Hinter dieser Offizialisierung der wallonischen Feiertage stand die „Sonderkommission, die mit der Debatte über die Ausdrucksformen der wallonischen Identität beauftragt wurde“. Um sich vom Fest der Französischen Gemeinschaft zu unterscheiden, sollten die Feste der südlichen Region Belgiens eigene Merkmale aufweisen und anders sein, um neben dem Fest der Französischen Gemeinschaft bestehen zu können. Aus diesem Grund schlug die Kommission hinter der Offizialisierung des Dekrets von 1998 den dritten Sonntag im September als offizielles Datum für die Feierlichkeiten vor (weder den 27. September noch den dritten Sonntag im August oder den letzten Sonntag im September). Angesichts der Tatsache, dass dieses falsche Ereignis nicht als historisch korrekt angesehen werden konnte, wählte die Kommission die seit den 1920er Jahren gefeierte Tradition in Namur, um die Einführung eines eigenen offiziellen Feiertags für die Wallonische Region zu rechtfertigen.[22]

B. Das Fest der Französischen Gemeinschaft

Der Beschluss der wallonischen Versammlung aus dem Jahr 1913, die „September-Tage“ als offiziellen Feiertag der Region zu feiern, wurde angesichts der geringen Kompetenzen der Versammlung zu dieser Zeit nicht gesetzlich umgesetzt. Mehr als fünfzig Jahre später (1970) begannen die verschiedenen Reformen und Verfassungsänderungen, die Belgien in Richtung Föderalismus führten, um das Land besser verwalten zu können und den großen belgischen Regionen mehr Autonomie und Kompetenzen zu geben. Zu diesem Zweck wurde im Dezember 1971 der „Kulturrat der Französischen Kulturgemeinschaft“ eingerichtet. Es gab einen ähnlichen für die Flämische Region. Die Einrichtung dieses Kulturrates nutzte die Wallonische Bewegung, um den Beschluss der Wallonischen Versammlung vom Jahr 1913 offiziell zu machen.[23]

Zu diesem Zweck wurde von Fernand Massart und Maurice Bologne, zwei Mitgliedern des Rassemblement wallon (RW), einer pro-wallonischen politischen Partei, ein Vorschlag für ein Dekret ausgearbeitet. Dieser wurde am 6. Juli 1972 eingereicht und bediente sich der „September-Tage“ als historische Rechtfertigung.[24] Dieser Vorschlag konnte aufgrund der Ablehnung durch den Staatsrat (der Kulturrat konnte sich nicht mit dem Antrag befassen) nicht zu einem offiziellen Gesetzestext führen, da die Wallonische Region, außer auf dem Papier, noch immer nicht gegründet wurde (bis 1980). Angesichts dieses negativen Ergebnisses änderten die wallonischen Aktivisten ihre Perspektive. Um bei einer erneuten Bewerbung alle Chancen auf ihrer Seite zu haben, entschieden sie sich dafür, die „September-Tage“ zu einem Fest der gesamten französischen Kulturgemeinschaft zu machen. Das bedeutete, dass von nun an auch die französischsprachigen Brüsseler dieses Ereignis als gemeinsames Erinnerungsereignis mit den Wallonen feiern konnten. Für die frankophonen Politiker war diese „Erinnerungsverschiebung“ ein sehr gutes Zeichen für die Zukunft der französischen Kulturgemeinschaft in Belgien.[25]

Am 18. Juli 1974 legte Fernand Massart einen neuen Vorschlag für ein Dekret vor, der diesmal auf die Gründung einer Feier der französischen Kulturgemeinschaft abzielte. Noch einmal waren es die „September-Tage“, die die historische Grundlage des Feiertags bilden sollten. Der gewählte Termin für die Feierlichkeiten wurde jedoch geändert. Für diesen neuen Antrag wurde der 27. September vorgeschlagen, der für die damaligen Behörden einen „praktischeren Charakter“ hatte. Allerdings wurde auch dieser zweite Vorschlag nicht akzeptiert, da kein Konsens über die Wahl der Flagge der Kulturgemeinschaft bestand.[26]

Erst mit dem dritten Antrag, der erneut am 16. Juni 1975 auf Initiative von Massart eingereicht wurde, wurde das Dekret am 24. Juni 1975 offiziell verabschiedet. Der 1. Artikel vom 20. Juli 1975 erklärt, dass „das Fest der französischen Kulturgemeinschaft jedes Jahr am 27. September gefeiert wird.“[27] Einige Monate später wurden die ersten Feierlichkeiten organisiert.[28] Im Vergleich zum jüngsten Status des offiziellen Feiertags der Französischen Gemeinschaft (umgewandelt in die Föderation Wallonien-Brüssel) ist es das Dekret vom 3. Juli 1991, das den Beschluss vom 20. Juli 1975 formalisiert und erneut übermittelt.

Ab 1982 wurde der 27. September zu einem gesetzlichen Feiertag für Schulkinder in der französischen Kulturgemeinschaft. Heutzutage ist der 27. September in der Föderation Wallonien-Brüssel ein gesetzlicher Feiertag nur für „Beamte von Institutionen, Verwaltungen und anderen Organen der Region, […] das Personal von Bildungseinrichtungen, Schüler und Studenten, […] das Personal in bestimmten Städten, Kommunen und Provinzen.“[29] und nicht für den Rest der Einwohner dieser Gemeinschaft. Es ist jedoch keine Seltenheit, dass private Arbeitgeber ihren Arbeitnehmern diesen Urlaub als freien Tag gewähren. Es ist daher zu erwähnen, dass dieses gemeinsame historische Ereignis und die „Anhaftung an die französische Sprache und Kultur“ nun zu dem starken Bindeglied geworden sind, das die Wallonen von den 1970er Jahren bis heute mit den französischsprachigen Brüsselern verbindet.[30]

Die Feierlichkeiten durch die Zeit

Vor mehr als einem Jahrhundert fanden am 21./28. September 1913 die ersten Feste in Wallonien statt. Diese Feste wurden in mehreren wallonischen Städten und Gemeinden wie Lüttich, Tournai, Namur, Charleroi, Verviers und Mons organisiert und gefeiert. Auch in Brüssel und Ixelles/Elsene wurde dieses Jubiläum gefeiert. Bei diesen jährlich in den französischsprachigen Regionen Belgiens gefeierten Festen waren neben anderen aus Wallonien auch mehrere Verbände aus Brüssel und Flandern anwesend. Während der beiden Weltkriege wurden die Feierlichkeiten unterbrochen.[31] Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurden die Feste mit größerem Umfang wiederaufgenommen und hatten für eine gewisse Zeit einen nationalen Charakter, um den zwischen den Jahren 1914 und 1918 gefallenen Kämpfern Ehre zu erweisen. Eine Hommage an Soldaten und Zivilisten „als Nachfolger der Revolutionäre gesehen, die 1830 für das Land starben.“[32]

Ab den 1920er Jahren kehrten die Feierlichkeiten zu ihrem früheren Status zurück, mit einem wallonischen Identitätsaspekt. Zu diesem Anlass wurden die Feierlichkeiten in Namur, Lüttich und Brüssel intensiviert, bei denen dieses Fest allmählich zu einem untrennbaren Teil der Kultur, Identität und Geschichte ihrer Einwohner wurde. Bis zu ihrer erneuten Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg waren diese Feste in fast allen wallonischen Gebieten zu einem Brauch geworden. Diese waren nicht nur Feste, bei denen die Menschen ein Ereignis in ihrem kollektiven Gedächtnis feierten, sondern auch politische Versammlungen der wallonischen Bewegung, die ständig an Bedeutung gewann. Während dieser Treffen teilten die Mitglieder dieser Identitätsbewegung jedoch ihre Ideale und Politik mit der Menge, indem sie sich mit den verschiedenen aktuellen Themen der Vergangenheit beschäftigten.[33] Ab der Nachkriegszeit wurden diese Feierlichkeiten wiederaufgenommen und erreichten immer mehr wallonische Städte und Gemeinden. Auch in Brüssel fanden diese Feierlichkeiten jedes Jahr statt, insbesondere dank „Gedenkfeier, die am Ort des Denkmals auf dem Märtyrer-Platz (Place des Martyrs/Martelarenplein), der Statue von Charles Rogier und der Kongresssäule organisiert wurden.“[34]

In den letzten Jahrzehnten fanden zahlreiche Kultur- und Sportveranstaltungen, Gedenkfeiern, Filmproduktionen, Musikkonzerte, Shows (meist kostenlos) etc. jedes Jahr in mehreren Städten der Föderation Wallonien-Brüssel statt, um den 27. September (die „September-Tage“) zu feiern und zu gedenken. Im Geiste der Tradition wird jedes Jahr und seit 1981 vom „Parlament und der Regierung der Föderation Wallonien-Brüssel“ eine Stadt ausgewählt, um die zu diesem Anlass geplanten und organisierten Feierlichkeiten zu empfangen. Während dieser Veranstaltungen sind die Straßen der einladenden Städte immer voller Menschen und Touristen, die dafür gekommen sind, um an diesen weltweit bekannten Feierlichkeiten teilzunehmen.

Im Gegensatz werden die wallonischen Feste hauptsächlich in Namur, die Hauptstadt der wallonischen Region, stattfinden und organisiert. Seit ihrer Gründung im Jahr 1923 haben die wallonischen Feste in Namur jedes Jahr Zehntausende von Menschen zusammengebracht. In den letzten Jahren haben mehr als 250.000 Menschen daran teilgenommen. Eine so große Besucherzahl, die ausnahmsweise zu diesem Anlass nach Namur kam, beweist den großen Erfolg dieser Feste im Süden Belgiens. Die Tatsache, dass diese Feste mehrere Tage dauern, bietet die Möglichkeit, mehr Shows und Veranstaltungen für viel mehr Menschen zu organisieren. Zu den vielen Veranstaltungen, die für diesen Anlass geplant sind, gehören die unvermeidlichen, d.h., die jedes Jahr wiederkehrenden Veranstaltungen, die als sehr symbolisch für den Feiertag gelten. U.a. gibt es den lustigen „Gottesdienst von Montagmorgen auf wallonisch“, die „frairie des Masuis et Cotelis Jambois“ und das berühmte und unumgängliche „Joute des échasseurs“, das am Sonntagnachmittag auf dem Place Saint-Aubain stattfindet.

Das zuletzt genannte Ereignis ist „das wichtigste Folkloreereignis des Jahres für alle Stelzenläufer von Namur“. Es ist ein Stelzenkampf mit dem für Namur typischen Titel „Kampf der Goldenen Stelzen“. Diesen Kampf hat seit 1411 die alte Stadttruppe „les Mélans“ gegen eine andere Truppe, „les Avresses“, ausgetragen. Während die Mitglieder der ersten Truppe Gelb und Schwarz als Kleidungsfarben haben, haben die Mitglieder der zweiten Truppe Rot und Weiß als charakteristische Farben. Der Kampf gliedert sich in zwei Teile. Beim ersten kämpfen die Mitglieder der beiden Teams in einer Art „Giganten-Nahkampf in der Mitte des Platzes“. Das Ziel besteht darin, dass Mitglieder eines der beiden Teams alle Mitglieder des gegnerischen Teams eliminieren, indem sie zum „Absteigen“ gezwungen werden. Zweitens müssen die zurückbleibenden Stelzenläufer nach dem Ausscheiden eines der beiden Teams gegeneinander kämpfen, obwohl sie im selben Team sind. Der Gewinner des Goldenen Stelzen ist derjenige, der als Letzter übrigbleibt.

Die Feierlichkeiten im Jahr 2021

Aufgrund der seit Anfang  2020 grassierenden Pandemie mussten die meisten für 2020 geplanten Veranstaltungen und Feiern abgesagt oder verschoben werden. Die schreckliche planetare Pandemie hat die ganze Welt lahmgelegt und das Leben für mehrere Monate sehr schwer gemacht. Darüber hinaus hat die Pandemie vor allem den Veranstaltungssektor mit voller Wucht getroffen und enorme Verluste in diesem Sektor sowie in anderen Bereichen wie Restaurants, Hotels oder dem Tourismus verursacht, indem sie eine Krise in Reisebüros und Fluggesellschaften ausgelöst hat. In Anbetracht der Tatsache, dass in vielen Ländern der Welt, auch in Belgien, Versammlungen von mehr als 10 Personen verboten waren, war es unmöglich, die Septemberfeiern mit der gewohnten Teilnehmerzahl sowie in Präsenzform durchzuführen.

Unter anderem durch die Impfstoffe und die Einführung des „Covid-Safe-Ticket“ konnte 2021 doch der Großteil der traditionellen Veranstaltungen zur Feier der beiden Feste stattfinden. Für das in Brüssel veranstaltete Fest der Föderation Wallonien-Brüssel, das in diesem Jahr mit dem 50. Jahrestag der Föderation zusammenfällt, sind mehrere Veranstaltungen geplant. Unter anderem eine Vielzahl von Musikkonzerten an verschiedenen Orten in Brüssel, eines davon für den 24. September um 19.30 Uhr auf dem Grand-Place (freier Eintritt), kulturelle Veranstaltungen, zahlreiche belgisch-französischsprachige Kinofilme usw.

Bei den wallonischen Festen, die vom 11. bis 19. September 2021 organisiert wurden, war die Atmosphäre ähnlich wie beim Fest der Französischen Gemeinschaft in Brüssel, aber das Programm war noch reichhaltiger und abwechslungsreicher. Neben den vielen Musikkonzerten (teilweise organisiert von RTBF), Shows und zu diesem Anlass veröffentlichten Filmen konnten nach der Pause im vergangenen Jahr wieder traditionelle Veranstaltungen stattfinden. Dazu zählen u.a. die „Farbenerhöhung der Gaillarde d'Argent“, die Ehrung der Veteranen, die „Gedenkzeremonie“, der „Gottesdienst auf wallonisch“, die „Walloniades“ und „L'Echasse d'Or". Um an all diesen Veranstaltungen teilnehmen zu können, musste man nur das „Covid Safe Ticket“ haben und manchmal vorher seinen Platz reservieren.

Fußnoten

[1] Istasse, 2019: S. 15

[2] ibid. S. 16

[3] Vgl. ibid.

[4] ibid.

[5] Vgl. ibid.

[6] Vgl. ibid.

[7] Vgl. ibid. S. 17

[8] Vgl. ibid.

[9] Vgl. ibid. S. 18

[10] Vgl. ibid.

[11] Vgl. ibid. S. 12

[12] Vgl. ibid. S. 20

[13] Vgl. ibid.

[14] Vgl. ibid. S. 22

[15] ibid. S. 23

[16] ibid. S. 24

[17] Vgl. ibid. S. 25

[18] ibid.

[19] Vgl. ibid.

[20] ibid. S. 26

[21] Vgl. ibid.

[22] Vgl. ibid. S. 30

[23] Vgl. ibid. S. 27

[24] Vgl. ibid.

[25] Vgl. ibid. S. 28

[26] Vgl. ibid.

[27] ibid. S. 29

[28] Vgl. ibid.

[29] ibid. S. 9

[30] Vgl. ibid. S. 29

[31] Vgl. ibid. S. 26

[32] ibid.

[33] Vgl. ibid. S. 27

[34] ibid.

Quellen

- CARLIER, Philippe: „La Wallonie à la recherche d'une fête nationale. Un épisode du mouvement wallon à l'aube du XXe siècle", in: Revue belge de philologie et d'histoire, Nr. 68/4, 1990, S. 902-921.

- Federation-wallonie-bruxelles.be: „Le 27 septembre“, http://www.federation-wallonie-bruxelles.be/a-propos-de-la-federation/apropos/histoire-institutionnelle/le-27-septembre/ (27/09/2021)

- ISTASSE, Cédric: „Histoire, mémoire et identité : les fêtes nationales, régionales et communautaires en Belgique“, in: Courrier hebdomadaire du CRISP, Jg. 2019, Nr. 7-8, S. 5-82.

- Lafete.cfwb.be: „Fête de la Fédération Wallonie-Bruxelles“, <https://lafete.cfwb.be/main-event/detailevent/event/fete-de-la-federation-wallonie-bruxelles/>, letzter Zugriff: 26.09.2021

- RTBF & Belga: „Les Fêtes de Wallonie de retour à Namur en version (Covid Safe)“,  in: rtbf.be (vom 03/09/2021), https://www.rtbf.be/info/belgique/detail_les-fetes-de-wallonie-de-retour-a-namur-en-version-covid-safe?id=10834930, (26/09/2021)

- Walloniebelgiquetourisme.be:  „Combat de l'Echasse d'Or - Folklore et traditions à Namur“, https://walloniebelgiquetourisme.be/fr-be/content/combat-de-lechasse-dor-folklore-et-traditions-a-namur, (26/09/2021)

- Walloniebelgiquetourisme.be: „Les Fêtes de Wallonie à Namur“, https://walloniebelgiquetourisme.be/fr-be/3/que-faire/cette-semaine/les-fetes-de-wallonie/6744, (26/09/2021)