Die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens oder Ostbelgien, die oft als eine der am besten geschützten Gemeinschaften der Welt bezeichnet wird,[1] ist ebenso reich an historischem und kulturellem Erbe wie die anderen belgischen Gemeinschaften, d. h. die französischsprachige Gemeinschaft in der Föderation Wallonien-Brüssel und die niederländischsprachige Gemeinschaft in Flandern. Die Geschichte dieser atypischen belgischen Region, die sich im Osten Walloniens, also im Osten Belgiens befindet und daher auch „Ostbelgien“ genannt wird, ist interessant und reicht bis zum Beginn der Gründung des belgischen Königreichs im Jahr 1830 sowie noch weiter zurück. Im nächsten Punkt wird der historische Aspekt des Erwerbs der ehemals preußischen, später deutschen Gebiete kurz behandelt, um eine historische Verbindung zum Thema dieses Artikels herzustellen, in diesem Fall zum Fest der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Anschließend wird das Fest selbst erläutert, d. h. sein Ursprung, seine Legitimität nach belgischem Recht, seine Traditionen, sein Ablauf seit seiner Anpassung und vor allem seine Feierlichkeiten in den letzten Jahren, inmitten der Gesundheitskrise des Coronavirus.

Inhaltsverzeichnis

  1. Historischer Überblick über die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens
  2. Der Festtag des Königs
  3. Die Einführung des Festes der Deutschsprachigen Gemeinschaft
  4. Die Feierlichkeiten des Festes
  5. Das Fest während der Covid-19-Pandemie
  6. Fußnoten
  7. Quellen

Da diese Gemeinschaft nicht mehr als 100 000 Einwohner hat (78 144 im Jahr 2020), ist es nicht verwunderlich, dass viele Menschen nicht wissen, dass eine solche Gruppe von Einwohnern mit deutscher Muttersprache ein integraler Bestandteil Belgiens ist, eines Landes, das dafür bekannt ist, sowohl französisch- als auch niederländischsprachig zu sein. Auch wenn diese deutschsprachige Gemeinschaft (noch) keinen eigenen "Bundesstaat" wie die drei Regionen mit ihren exklusiven Befugnissen (Wallonien, Flandern, Brüssel-Hauptstadt) bildet, ist sie in der belgischen Verfassung als eine Sprachgemeinschaft verankert, die Teil des Königreichs ist. Darüber hinaus ist die deutsche Sprache eine der drei belgischen Amtssprachen. Es ist vor allem diesem östlichen Teil des belgischen Staates zu verdanken, dass Deutsch seinen Platz als Co-Amtssprache des Landes gefunden hat. Insgesamt gibt es „9 große Gemeinden“ an der Grenze zu Deutschland, den Niederlanden und Luxemburg, die zusammen die Deutschsprachige Gemeinschaft, bilden:  Amel, Büllingen, Burg-Reuland, Bütgenbach, Eupen, Kelmis, Lontzen, Raeren und Sankt Vith. Zusammen haben sie eine Fläche von 854 km². Diese neun Gemeinden gelten auch als Fazilitäten-Gemeinden für die dort lebende französischsprachige Minderheit. Damit gehören sie zu den „27 Gemeinden mit sprachlichen Erleichterungen“, die es in ganz Belgien gibt.

Historischer Überblick über die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens

Die Anwesenheit germanischer Stämme in der heutigen deutschsprachigen Region Belgiens lässt sich bis in die Römerzeit sowie noch weiter zurückverfolgen. Denn die Grenze zwischen den römischen Städten Tongern (in Belgien) und Köln (in Deutschland) verlief bereits durch diese Region, in der damals viele germanische Völker lebten und die von den Römern besetzt wurde. Nach der Römerzeit, der Machtübernahme der germanischen Stämme in Europa (in den ehemaligen Gebieten des untergegangenen Römischen Reiches), dem Mittelalter sowie der Renaissance, der spanischen Besetzung und anderen historischen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Umwälzungen gehörte das nördliche Gebiet, das Gebiet um Eupen, bis zum Ende des Ancien Régime im Jahr 1794 hauptsächlich zum Herzogtum Limburg. Was das südliche Gebiet, die belgische Eifel, betrifft, so gehörte diese größtenteils zum Herzogtum Luxemburg. Die Region Manderfeld-Schönberg lag ganz im Norden des Kurfürstentums Trier (in Deutschland).

Im Vergleich zur modernen Geschichte der deutschsprachigen Region Belgiens wurde das gesamte Gebiet 1794-1795 kurzzeitig von „dem revolutionären Frankreich“ besetzt, als es die österreichischen Niederlande eroberte. Mit dem Sturz Napoleons im Jahr 1815 wurde die politische Landschaft Europas auf dem Wiener Kongress desselben Jahres neu geformt. So wurden dem Rheinland, das 1815 preußisch wurde, das Gebiet um Eupen, die belgische Eifel und ein Teil der ehemaligen Kloster Stablo (Stavelot-Malmedy) zugeteilt. Diese Gebiete bildeten dann während der preußischen Herrschaft die Kreise Eupen und Malmedy. Was das umstrittene Gebiet Moresnet mit seinem Hauptort Kelmis betrifft, das von mehreren Staaten in der Region wegen seiner reichen Galmeivorkommen (eine Art Zink) umkämpft war, so wurde es unter preußische und niederländische Verwaltung gestellt, und nach der Unabhängigkeit Belgiens im Jahr 1830 dann unter preußische und belgische Verwaltung. Das entscheidende Ereignis, aufgrund dessen die belgische deutschsprachige Region heute ein integraler Bestandteil Belgiens ist, war der Erste Weltkrieg. Obwohl die Einwohner von Eupen und Malmedy als Soldaten des Deutschen Reiches in den Krieg zogen, wurden ihre Regionen im Versailler Vertrag (1919-1920), Belgien zugeteilt. Diese Annexion wurde offiziell, nachdem in den Gebieten Eupen-Malmedy und Moresnet ein umstrittenes Referendum stattgefunden hatte. In der Zwischenkriegszeit wurden diese Gebiete in „drei Gerichtskantonen“ aufgeteilt, nämlich Eupen, Malmedy und Sankt Vith. Diese Gebiete werden seither als "Ostkantone" bezeichnet.

Innerhalb der deutschsprachigen Bevölkerung gab es ein Gefühl, nicht zu Belgien zu gehören, weshalb viele Menschen und politische Parteien einen Anschluss an Deutschland wollten, die sich aber während der „Weimarer Republik“ immerhin gegen eine mögliche Zwangsänderung des Versailler Vertrags gewehrt hatte. Um den Zweifeln seiner neuen Bevölkerung ein Ende zu setzen, ließ der belgische Staat ab 1926 seine Verfassung und seine Gesetze in diesen Gebieten, insbesondere in Eupen-Malmedy, durchsetzen, damit die Bewohner zu "vollwertigen Belgiern" werden können. Als Belgien jedoch Ende der 1920er Jahre eine beispiellose Wirtschaftskrise erlebt hatte, wurden Verhandlungen mit Deutschland aufgenommen, um diese Gebiete für „die Summe von 200 Millionen Goldmark“ zu verkaufen. Diese Verhandlungen scheiterten aber an der Ablehnung Frankreichs.

Als Hitler und seine nationalsozialistische Partei 1933 in Deutschland an die Macht kamen, spalteten sich die deutschsprachigen Belgier in pro-belgische und pro-deutsche Anhänger. Eine grundlegende Meinungsverschiedenheit, die den Alltag der damaligen Bevölkerung erschütterte. Kurz nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde Belgien am 10. Mai 1940 von Truppen der Wehrmacht überfallen. Unter Hitlers Kommando wurden die Region Eupen-Malmedy und andere Grenzgebiete von Nazi-Deutschland zu einem Teil des „Deutschen Reiches“. Wie fast ganz Europa hatte auch das Gebiet von Eupen-Malmedy eine sehr hohe Zahl an Todesopfern zu beklagen (3200 der 8700 Männer der deutschen Armee starben im Krieg), sowie materielle Verluste (zahlreiche Städte wie St. Vith und andere in der Eifel wurden komplett zerstört). Gegen Ende 1944 wurden die von Deutschland annektierten deutschsprachigen Gebiete Belgiens von den Alliierten an Belgien zurückgegeben.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa am 8. Mai 1945 begann Belgien sofort mit der Säuberung aller mutmaßlichen und tatsächlichen Kollaborateure des Nazi-Regimes während der Besetzung seiner Gebiete. Die Bevölkerung der belgischen Regionen, die während des Krieges zu Deutschland gehörten, war von der Verfolgung und Säuberung besonders betroffen. Hunderte von Bewohnern wurden entweder inhaftiert oder aus Rache getötet. Dieses Thema war unter anderem im niederländischsprachigen Teil Belgiens so heikel, dass es erst 1989 endgültig geklärt wurde. Nachdem die Zwangsannexion von Eupen-Malmedy durch die Nazis 1940 dann für ungültig erklärt worden war, einigte sich die Bundesrepublik Deutschland 1956 mit der Unterzeichnung des „Septembervertrags“ über ihre Westgrenzen mit Belgien, um eine Ära der „Versöhnung“ zwischen Deutschland und Belgien einzuleiten. Eine neue Situation, die der deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien sowie ganz Westeuropa im Allgemeinen zugutekommen sollte.

Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich die politische Situation der deutschsprachigen Gebiete Belgiens durch die verschiedenen politischen Reformen erheblich verbessert. Insgesamt gab es sechs große Reformen, die die jüngere Geschichte Belgiens einschließlich der Deutschsprachigen Gemeinschaft geprägt haben. Zunächst gab es zwischen 1962 und 1963 die Anpassung der Gesetze über die Sprachen in der Verwaltung, die das Königreich in „vier verschiedene Sprachgebieten“ aufteilten, darunter das deutschsprachige Gebiet mit zunächst 25 Gemeinden, aus denen ab 1976 neun Großgemeinden wurden. Von 1968 bis 1971 fand die „erste große Reform“ des Staates statt. Diese verankerte die sprachliche Teilung des Landes in der Verfassung und führte drei Kulturgemeinschaften (die französische, die niederländische und die deutsche) sowie drei Kulturräte ein. Im Zuge dieser Reform wurden die drei großen belgischen Regionen Wallonien, Flandern und Brüssel eingerichtet. Dies war der Beginn des Föderalisierungsprozesses des Landes. Die zuvor eingeführten Kulturgemeinschaften wurden in der „zweiten Reform“, die zwischen 1980 und 1983 stattfand, durch die Französische, Flämische und Deutschsprachige Gemeinschaft ersetzt. Im Zuge dieser Reform erhielt die Deutschsprachige Gemeinschaft eine Regierung und mehr Befugnisse, z. B. in den intergemeinschaftlichen und internationalen Beziehungen sowie in kulturellen und persönlichen Angelegenheiten.

Die „dritte Reform“ von 1988 bis 1990 sah die Übertragung des Bildungssystems auf die Gemeinschaftsbehörde und die Erhöhung der Finanzzuweisungen des Föderalstaats an die Deutschsprachige Gemeinschaft vor. Die wichtigste Verfassungsreform in der belgischen Geschichte war die „vierte Reform“ von 1993-1994, mit der die Föderalisierung des Landes offiziell wurde. Im Zuge dieser Reform wurden mehrere Änderungen vorgenommen, darunter die Übertragung von mehr Befugnissen an die verschiedenen Gemeinschaften, die Möglichkeit für jede Region, unabhängig ihr Parlament und ihre Regierung zu wählen, die Spaltung von Brabant in zwei Provinzen und der Schutz der sprachlichen Minderheiten. In Bezug auf die deutschsprachige Region, die Teil der föderalen Einheit Wallonien ist, war es ihr von nun an möglich, ein eigenes Finanzierungssystem zu haben und einen eigenen Wahlkreis für die Europawahlen zu bilden. Bei den letzten beiden großen Reformen, der Reform vom Jahr 2001 und der Reform vom Jahr 2011-2014, wurden der Deutschsprachigen Gemeinschaft mehr Autonomie und neue Befugnisse gewährt. Hierbei handelt es sich insbesondere um eine Erweiterung der Kompetenzen in den öffentlichen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen, touristischen, gesundheitlichen Bereichen. Inzwischen verfügt die Deutschsprachige Gemeinschaft auch über eine vollwertige eigene Idenität (siehe dazu unseren Beitrag), die u.a. mit der Feier des eigenen Festtags zum Ausdruck kommt.

Der Festtag des Königs

Um über das Fest der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens zu sprechen und seinen Ursprung zu kennen, ist es notwendig, den Festtag des Königs zu erwähnen und über mehr Informationen darüber zu verfügen. In Belgien werden diese beiden Feste am selben Tag gefeiert, nämlich am 15. November. Zum Festtag des Königs ist es zu sagen, dass er im Laufe der Jahre sowohl verschiedene Daten als auch verschiedene Bezeichnungen hatte. Als der erste König der Belgier, Leopold I., 1831 dieses Fest einführte, wählte er den 16. Dezember, ein Datum, das mit seinem Geburtstag zusammenfiel. Damals wurden für diese Zeremonie ein „Te Deum“ (ein katholisches Kirchenlied), Militärparaden und Volksfeste in vielen belgischen Städten organisiert. Außerdem war diese Art von Feierlichkeiten nicht das erste Mal in Europa. Auch andere europäische Herrscher wie Napoleon I. oder Wilhelm I. hatten in der Vergangenheit solche Feste eingeführt, die ihre eigenen Geburtstage mit einem Nationalfeiertag ihres jeweiligen Königreiches zu ihren Ehren verbanden.[2]

Gleich nach seiner Krönung in Belgien verlegte Leopold II. das Datum des Festes vom 16. Dezember auf den 15. November, damit es mit dem Tag des „Heiligen Leopold“ zusammenfiel. Ein Fest, das Teil des „germanischen liturgischen Kalenders“ ist. Jahrzehnte später war es Albert I., der 1909 König der Belgier wurde. Auch er änderte das Datum des Feiertags. Das neue Datum, das er für das Fest festlegte, war der 26. November. Dieser Tag ist auch der Tag des „Heiligen Albertus“, ein anderes religiöses Ereignis im „germanischen Liturgischen Kalender“. Das von König Albert I. festgelegte Datum wurde jedoch schnell geändert, da seine Mutter (Prinzessin Marie von Hohenzollern-Sigmaringen) am selben Tag starb (ein 26. November). Deshalb verlegte er das Datum erneut auf den 15. November wie zu Zeiten von Leopold II.[3]

Ebenfalls unter demselben König wurde das Fest zu seinen Ehren ein weiteres Mal verschoben, und zwar wegen des Festes zum Gedenken an den Waffenstillstand von 1918, der vom belgischen Parlament bereits 1922 eingeführt und für den 11. November festgelegt wurde. Als man feststellte, dass die beiden Daten sehr nahe beieinanderlagen, wurde in Zusammenarbeit mit der belgischen Kirche ein neues Datum für den Festtag des Königs gewählt. Von nun an sollte dieses Fest am 27. November stattfinden. Ein Datum, das laut dem „belgischen liturgischen Kalender“ wiederum mit dem Fest des „seligen Albert des Großen“ zusammenfällt. Nach so vielen Datumsänderungen war es König Leopold III., der 1934 das Datum endgültig auf den 15. November legte. Alle anderen Könige, die ihm folgten, haben dieses Datum nicht mehr geändert. Darüber hinaus entschied sich König Baudouin 1951 für eine einzige Bezeichnung des Feiertags, nämlich „Festtag des Königs“. Alle anderen Bezeichnungen wurden nicht mehr anerkannt, wie z.B. "Fest der Dynastie"[4]

Heutzutage sind die Feierlichkeiten zu diesem Fest religiöser, militärischer und ziviler Natur, wie es seit dem 19. Jahrhundert der Fall war. Die größten Feierlichkeiten werden in Brüssel abgehalten und im Fernsehen übertragen. Der einzige große Unterschied besteht jedoch darin, dass das regierende Paar nicht mehr persönlich an den Feierlichkeiten teilnimmt. Es ist auch so, dass dieses Fest in der Bevölkerung an Aura und Festlichkeit verloren hat, und zwar zugunsten anderer nationaler und gemeinschaftlicher Feste. Von Anfang an war dieser Tag nur für Beamte auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene ein Feiertag. Dass der 15. November (seit 1994) in allen Gemeinden der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, sowohl im öffentlichen Sektor als auch im Bildungs- und Privatsektor, ein Feiertag ist, liegt daran, dass er aufgrund des offiziellen Festes dieser Region ein Feiertag ist.[5]

Die Einführung des Festes der Deutschsprachigen Gemeinschaft

Nach der Neugestaltung des belgischen Staates und den verschiedenen Rechten, die die Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens erhalten hat, setzte die Exekutive „Maraite I“ dieser Gemeinschaft den Prozess in Gang, diese Gemeinschaft einen eigenen Feiertag, ein eigenes Wappen und eine eigene Flagge zu geben, die sich immer mehr auf der politischen Bühne Belgiens und Europas etablierte. Um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, legte der damalige Ministerpräsident Joseph Maraite Ende August 1990 den Entwurf eines Dekrets vor. Darin hieß es, es sei durchaus verständlich, dass eine nationale Minderheit ein symbolisches Gedenkdatum, in diesem Fall den Festtag des Königs, so wählt, dass es auch mit ihrem eigenen offiziellen Fest übereinstimmt, und dass die künftigen Ministerpräsidenten vom König persönlich vereidigt werden müssen.[6]

Die Beweggründe für die Wiederaneignung dieses Datums nach diesem Text waren, das starke Zugehörigkeitsgefühl zur belgischen Nation zu demonstrieren und die Königsfamilie als Vorbild zu nehmen, um die gemeinschafts- und regionenübergreifende Einheit und Gelassenheit des Königreichs zu symbolisieren. Dieser Gesetzestext wurde am 1. Oktober desselben Jahres verabschiedet und am selben Tag verkündet. Die in dem Dekret formulierten Forderungen der Exekutive wurden alle erfüllt. Dies war für viele keine Überraschung, da der König 1988 vorab über die bevorstehenden Schritte der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft informiert wurde, um sich mit diesen Attributen ausstatten zu können. Der belgische König war für diese Forderungen sehr empfänglich und erklärte sich damit einverstanden.[7]

Allerdings waren nicht alle Mitglieder des deutschsprachigen Ausschusses einverstanden. Viele von ihnen warfen Joseph Maraite und seinen Anhängern vor, ohne allgemeine Absprache mit allen Mitgliedern des Exekutivausschusses gehandelt zu haben. Sie waren der Meinung, dass es nicht sinnvoll sei, das Datum ihres künftigen Feiertags mit einem früheren belgischen Nationalfeiertag zu teilen, und dass man stattdessen einen europäischen Bezugspunkt oder das Datum der Einsetzung des Kulturrats ihrer Gemeinschaft wählen sollte. Diejenigen, die für das Dekret waren, verteidigten die Wahl des Datums mit mehreren Argumenten. U.a., um dem belgischen Staat für all die Vergünstigungen und Vorteile zu danken, die ihrer Gemeinschaft gewährt wurden, und um die Verbundenheit und Dankbarkeit der deutschsprachigen Ostbelgier gegenüber dem belgischen König zu demonstrieren.[8] Dies ist auch der Grund, warum der Ausdruck „die belgischsten der Belgier“ in den patriotischen Reden der deutschsprachigen Belgier häufig auftaucht.[9]

Es ist jedoch zu erwähnen, dass es auch heute immer noch verschiedene Meinungen über das Datum gibt, das 31 Jahre zuvor für die Festlegung des Ostbelgienfestes gewählt wurde. In diesem Zusammenhang werden von einigen Politikern und Bürgergruppen der Gemeinschaft mehrere Daten ins Spiel gebracht und vorgeschlagen. Die am häufigsten genannten Termine sind der 20. September, der 23. Oktober, der 31. Dezember und der 30. Januar. Das erste vorgeschlagene Datum ist der Tag, an dem Belgien 1920 nach dem „Versailler Vertrag“ am Ende des „1. Weltkrieg“ die neue Region bekommen hat. Das zweite steht für die erste Sitzung des Kulturrats der Deutschen Kulturgemeinschaft im Jahr 1973. Der 31. Dezember 1983 war das Datum des Gesetzes, das dieser Gemeinschaft einen rechtlichen Status verlieh. Das letzte vorgeschlagene Datum, der 30. Januar 1984, ist der Tag, an dem die erste Exekutive der föderierten Einheit eingesetzt wurde.[10]

Trotz der vielen Daten, die mit dem 15. November konkurrieren, gibt es kein Datum, das zu einer Einstimmigkeit führt. Während einige Daten rein institutionell und politisch sind, können andere ein Gefühl der Traurigkeit und die Erinnerung an frühere Konflikte hervorrufen. All diese Tage haben nicht den Charakter eines vereinigenden Datums wie des 15. Novembers. Mit der Wahl des Datums des Festtages des Königs ist die Deutschsprachige Gemeinschaft die einzige belgische Gemeinschaft, die ein allgemeines Symbol als Bezugspunkt für ihren offiziellen Feiertag hat, im Gegensatz zu den anderen Gemeinschaften des Landes, deren offizielle Feiertage auf bestimmten historischen Ereignissen mit regionalem Charakter beruhen.[11]

Die Feierlichkeiten des Festes

Im Gegensatz zu den sowohl religiösen als auch militärischen und öffentlichen Feiern zum Festtag des Königs, die überall in Belgien stattfinden (hauptsächlich in Brüssel), und zum gleichen Datum des Festes der Deutschsprachigen Gemeinschaft sind die Feierlichkeiten, die das deutschsprachige Gebiet im Osten Belgiens kennzeichnen, eher öffentlicher und politischer Natur. Seit etwas mehr als dreißig Jahren organisieren die neun großen Gemeinden der Deutschsprachigen Gemeinschaft mehrere Vorstellungen, Konzerte, Animationen, Feiern und verschiedene Sport- und Kulturveranstaltungen für die Bevölkerung. Diese zahlreichen Veranstaltungen und Feiern finden in der Regel ab Anfang November statt und dauern bis zum 1. Dezember. Es finden in dieser Zeit jedoch nicht täglich Feierlichkeiten statt.

Darüber hinaus wird die offizielle protokollarische Veranstaltung mit politischem Charakter jedes Jahr in einer der Gemeinden des deutschen Sprachgebiets abgehalten. Diese Gemeinden tauschen diesen Empfang nämlich abwechselnd untereinander aus. Aufgrund des politischen Charakters der Organisation der protokollarischen Veranstaltung nehmen in der Regel lokale Abgeordnete und andere Politiker der Region daran teil. In den Jahren 2016 und 2017 war der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, als Ehrengast auf dem „Triangel“ in St. Vith anwesend, um an einem Austausch mit den Bürgern zum Thema Europa teilzunehmen.

Diese Art von Treffen am 15. November wird auch in Brüssel in der Vertretung der Deutschsprachigen Gemeinschaft organisiert, wo hunderte von Gästen anwesend sind. Neben dem Ministerpräsidenten und anderen Mitgliedern der deutschsprachigen Regierung und des deutschsprachigen Parlaments sind auch Vertreter der französischen und flämischen Gemeinschaft sowie des Bundesstaates anwesend. Beispielsweise waren 2016 sowohl Didier Reynders (ehemaliger belgischer Außenminister) als auch Elio Di Rupo (damals Vorsitzender der PS und heute Ministerpräsident von Wallonien) zu dem Empfang eingeladen. Zu einer Art Tradition geworden, ist die jährliche Rede des ostbelgischen Ministerpräsidenten (Oliver Paasch seit 2014) jedes Jahr eine Rede in Brüssel oder Eupen, um die Bedeutung dieses Datums und seine Symbolkraft für die gesamte Bevölkerung seiner Gemeinschaft, in Erinnerung zu rufen.

Um einige konkrete Beispiele dafür zu geben, was in den vergangenen Jahren üblicherweise zur Feier dieses Festes organisiert wurde, finden Sie hier das Programm der Veranstaltungen, die 2019 zu diesem Anlass geplant wurden:

- 2. November: Heimspiel der Roller Bulls Ostbelgien gegen den amtierenden Meister Thuringia Bulls in St. Vith

- 10. November: Matineekonzert mit dem Trio Dujardin-Laloy im Alten Schlachthof

- 16. November: Heimspiel des HC Eynatten-Raeren gegen Sasja HC

- 16. November: Theaterstück „Es lebe das Vaterland“ im Triangel St. Vith

- 16. November: Heimspiel des KTSV Eupen gegen HC Kraainem

- 16. & 17. November: Die AGK Eupen-Kettenis lädt zu einer Karnevalsbörse und der Sessionseröffnung ein

- 17. November: Klarinettenchor der IMEP mit den Solisten Jean-Luc Votano und Luisa Fink im Kloster Heidberg

- 23. November: Heimspiel des VBC Lommersweiler gegen Olne

- 23. November: Heimspiel der AS Eupen gegen Standard Lüttich im Kehrweg-Stadion

Das Fest heute

Aufgrund der globalen Pandemie des Coronavirus, die seit Anfang 2020 weltweit viele Schäden verursacht, mussten alle verschiedenen Feiern sowie anderen kulturellen Veranstaltungen reduziert werden oder manchmal sogar abgesagt werden. Die Feierlichkeiten zum Fest der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens erlitten das gleiche Schicksal. Aktuell kommen auch noch weitere Krisen hinzu, militärische und wirtschaftliche. Der in Belgien besonders hohe Inflationsdruck dürfte erklären, warum die Feierlichkeiten 2022 eher sparsam gestaltet sind. Dennoch wird es um den "Tag der DG" wieder einige Veranstaltungen geben. Am Feiertag selbst gibt es einen Empfang in der Vertretung in Brüssel. Am Freitag, den 18. November, sollen in Kelmis dann kleinere Feierlichkeiten stattfinden, woran u.a. Ministerpräsident Paasch und der Parlamentsvorsitzende Ostbelgien, Karl-Heinz Lambertz, teilnehmen werden. Ab dem 5. November gibt es schon mehrere Evenemente, die den diesjährigen "Tag der DG" rahmen, u.a. Fußballspiele gegen Erstligisten, Theateraufführungen, Konzerte und Ausstellungen. Mehr Information über die Veranstaltungen finden Sie hier.

Zum Schluss sei auch noch auf die weiteren Feierlichkeiten in Brüssel anlässlich des Königstages hingewiesen. Neben dem traditionellen Te Deum in der Brüsseler Kathedrale finden auch Empfänge im Parlement statt. Die Veranstaltung in der Abgeordnetenkammer "Make Art, not War" können Sie auch online verfolgen.

Fußnoten

[1] Vgl. Istasse, Cédric: „Histoire et mémoire(s) : le 15 novembre, de la fête du Roi à la fête de la Communauté germanophone“. Erstellt am: 13.11.2018. In: Les analyses du CRISP en ligne. S. 8

[2] Vgl. ibid. S. 1-2

[3] Vgl. ibid. S. 2

[4] Vgl. ibid., S. 2-3

[5] Vgl. ibid. S. 3

[6] Vgl. ibid. S. 3-4

[7] Vgl. ibid. S. 4

[8] Vgl. ibid. S. 5

[9] Vgl. ibid. S. 1

[10] Vgl. ibid. S. 5

[11] Vgl. ibid.

Quellen

- Belga: „La Communauté germanophone est à la fête pour la 29e fois“, in: RTBF.be (vom 15/11/2018), URL: https://www.rtbf.be/info/belgique/detail_la-communaute-germanophone-est-a-la-fete-pour-la-29e-fois?id=10073593 (21/11/2021)

- Statbel: „Structure de la population“, in: Statbel.be (vom 16/06/2021), <https://statbel.fgov.be/nl/themas/bevolking/structuur-van-de-bevolking (24/11/2021)

- Istasse, Cédric: „Histoire et mémoire(s) : le 15 novembre, de la fête du Roi à la fête de la Communauté germanophone“, in: Les analyses du CRISP en ligne (vom 13/11/2018), https://www.crisp.be/crisp/wp-content/uploads/analyses/2018-11-13_ACL-Istasse_C-2018-Fete_de_la_Communaute_germanophone.pdf (21/11/2021)

- Newson, Heide: „Festtag der Deutschsprachigen Gemeinschaft“, in: Belgieninfo.net (vom 15/11/2019), https://www.belgieninfo.net/festtag-der-deutschsprachigen-gemeinschaft/, (21/11/2021)

- Ostbelgien: „Chronik der Deutschsprachigen Gemeinschaft“, in: Ostbelgienlive.be, https://ostbelgienlive.be/desktopdefault.aspx/tabid-92/, (21/11/2021)

- Ostbelgien: „Festtag 1511“, in: Ostbelgienlive.be, https://ostbelgienlive.be/desktopdefault.aspx/tabid-4739/, (21/11/2021)

- Ostbelgien: „Zur Geschichte der Deutschsprachigen Gemeinschaft“, in: Ostbelgienlive.be. https://ostbelgienlive.be/desktopdefault.aspx/tabid-6021/1532_read-45663/, 21/11/2021)

- Ostbelgiendirekt: „Der Festtag der DG am 15. November soll auch in diesem Jahr möglichst vielen Bürgern etwas bieten“, in: Ostbelgiendirekt.be (01/11/2019), https://ostbelgiendirekt.be/festtag-der-dg-am-15-november-228746, (21/11/2021)

- Poniewas, C.,  "Ostbelgien. Eine Gesellschaft ohne eigene kulturelle Identität?", in: BelgienNet (19/10/2022), URL: https://belgien.net/identitaet-ostbelgiens/ (15/11/2022)

-Quadflieg, Peter, "'Es lebe der König!' oder 'Vive le Roi!'"? Die deutsche Sprachminderheit in Ostbelgien und die belgische Königsfamilie als lieu de mémoire", in: Hermann Kamp und Sabine Schmitz (Hrsg.), Erinnerungsorte in Belgien, Bielefeld, 2020, S. 241-270, URL https://doi.org/10.14361/9783839445150-013 (15/11/2022)